Herzkasper

 

 Eine Traumabewältigung

© von Ralf Förthmann

„Listen to this, and I’ll tell you ‚bout the heartache.

 I’ll tell you ‚bout the heartache and the loss of God.

 I’ll tell you ‚bout the hopeless night The meager food for souls forgot,

 I’ll tell you ‚bout the maiden with wrought iron soul“

(Jim Morrison, The Wasp, L.A.Woman)

Inhalt

Beginn

Herzkatheter

Bypass–OP

OP-Tag

Aufwachen und atmen

Verlegung ins Friederikenstift

Leben auf der Intensivstation

Innere Aufnahmestation

Bad Bevensen – Reha-Klinik

Back in the MHH
(Don’t know how lucky you are boy!)

Re -Thorakotomie

Herzstation 15

Der Garten, die Halle und der Gottesdienst

Zurück nach Bad Bevensen

Wieder zu Hause

Leben auf Sparflamme

2006

Die große Depression

Happy oder unhappy End?

Worterklärungen 

 

Herzkasper


Beginn

Es begann alles an meinem Geburtstag im November 2004…

Nach einem wunderschönen Beisammensein mit meiner Familie und den Freunden und Freundinnen meiner Kinder merkte ich, dass ich auf dem kurzen Nachhauseweg vom Griechen an der Ecke nicht mehr mit meinem Sohn schritt halten konnte. Irgendwie fehlte mir die Luft. Ich schob es auf das reichhaltige Essen und den Wein.

In den folgenden Tagen stellten sich merkwürdige, undefinierbare Schmerzen in der oberen Brustgegend und den Schultern ein. Ich konnte nachts kaum noch einschlafen und nahm jeden Tag eine außerordentlich starke „Dröhnung“ von Schmerzmitteln zu mir. Das half vorübergehend, aber ich ging dann doch lieber zum Arzt. Der erklärte mir nach kurzem abhorchen, dass das wohl muskuläre Probleme seien und dass ich mir um mein Herz keine Sorgen machen müsste. Meine Leibärztin Barbara aus der Hauskirche (Anästhesistin) war damit zwar nicht so recht zufrieden, und mein Hausarzt hatte noch nicht mal ein EKG anfertigen lassen oder Blut abgenommen, aber ich gab mich mit der Diagnose zufrieden. (wir wollen uns doch wohl nicht durch Pillepalle aus der Ruhe bringen lassen)

Im Januar 2005 ließ ich mir dann die ewig verstopfte Nase richten, damit ich wieder Luft durch die Nase bekomme. Die OP verlief phantastisch. War sofort danach wieder Putzmunter und ein vorbildlicher Patient. Als ich aus der Narkose erwachte, war mir irgendwie so albern zumute und ich fand die Schwester, die mein Bett schob, total sympathisch. Da ich nach 2 Sekunden Ihren Namen vergaß, entschuldigte ich mich bei ihr und sagte Ihr, wie ausgesprochen sympathisch sie doch sei. (Sie hatte so nette zwinkernde Augen) das war mir etwas später, als ich richtig wach war, etwas peinlich. Man darf doch als verheirateter Christ wohl nicht flirten, oder?

Nach meiner Entlassung las ich mir den Arztbrief gründlich durch und machte eine alarmierende Entdeckung. Da waren Zacken in meinem EKG gewesen, die auf einen alten Herzinfarkt deuteten! Mittlerweile konnte ich auch nur noch ziemlich kurze Strecken gehen, ohne so kräftig zu pusten, als ob ich gerade eben in den fünften Stock eines Altbaus gestiegen wäre. Da ich meinem alten Hausarzt nun nicht mehr so richtig traute, ging ich schnurstracks zum Kardiologen, der nach Durchsicht der Unterlagen und einiger Untersuchungen sagte, dass da ganz gewiss „etwas“ am Herz nicht in Ordnung sei und schickte mich zum Herzkatheter ins Siloah-Krankenhaus.

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Herzkatheter (Januar 2005)

Eine unwahrscheinlich Anstrengende Prozedur! Du liegst auf einem ultra-schmalen Röntgen-Tisch und weißt nicht, wo du Deine Arme lassen sollst. Es gibt keine Ablage für sie und sie passen nicht neben dir auf den Tisch. Also kreuzt man sie über der Brust oder legt sie so hinter den Kopf. Das scheint nicht so schlimm zu sein, ist aber eine sehr unangenehme, anstrengende Körperhaltung, wenn du es länger als eine Stunde aushalten musst. Dann wird Deine Leiste betäubt und sie schieben einen flexiblen Schlauch in die Leistenarterie, der bis in die Herzkammer vorgeschoben wird. Das spürt man zwar nicht, aber mir war es total unheimlich. Unbestimmte Ängste brechen aus. Als sie das Kontrastmittel in die Arterie spritzen, sehe ich auf der Videowand neben mir, wie das Blut bei jedem Pulsschlag durch den Körper und das Herz strömt. Durch das Kontrastmittel geht in Sekundenschnelle eine total heiße Welle durch den ganzen Körper. Als ob man plötzlich über 40 Grad Fieber hätte oder als ob sie einem eine heiße Flüssigkeit injizieren würden! Kurz danach stellt sich bei mir eine allergische Reaktion ein. Mein Blutdruck fällt plötzlich ins uferlose und mir wird hundeelend. Ein ganz gemeines Gefühl! Man spritzt mir sofort Atropin und andere Medikamente. Danach wird mir speiübel und ich habe Angst, mich zu erbrechen. Auch dagegen spritzt man etwas. Gott sei dank wirken Medikamente, die man i.v. verabreicht in sehr kurzer Zeit und ich komme schnell wieder in eine erträgliche Zone. Aber was bin ich froh, als ich wieder in mein Krankenbett hinüberrutschen darf!

Danach kommt der Oberarzt zu mir und erklärt mir den Befund. Zwei der drei Hauptarterien, die das Herz mit Blut versorgen, sind komplett dicht, und die dritte ist nur noch zu 25 Prozent offen. Ich frage mich, wieso ich überhaupt noch am Leben bin? Bisher dachte ich immer, dass so ein Gefäßverschluss mit einem Herzinfarkt einhergeht, der sehr schmerzhaft ist und oft tödlich endet.  Ich dagegen hatte nur einige Monate zuvor eine Woche lang Brustschmerzen gehabt, die wieder aufgehört hatten. Jedenfalls ist die Diagnose ziemlich niederschmetternd.

Ab diesem Zeitpunkt lebe ich in der ständigen Angst, dass die restlichen 25 Prozent der letzten Herzkranzarterie auch noch verstopfen, bevor ich überhaupt operiert werden kann. In meinem Körper tickt eine Zeitbombe! Und ich kann nichts dagegen tun. Mein Kardiologe besorgt mir einen OP-Termin in der medizinischen Hochschule, aber die lassen wochenlang überhaupt nichts von sich hören – und ich muss mit meiner Angst und meinem ungewissen Schicksal leben. – Nach einigen Wochen macht sich Panik breit. Ich bekomme Beruhigungsmittel verschrieben und warte sehnsüchtig auf eine Nachricht aus der medizinischen Hochschule. Wann operieren die mich endlich? Ich sitze jeden Tag nur stundenlang in meinem Sessel rum, und bin nicht mehr in der Lage auch nur die kleinste Anstrengung zu bewältigen. Wenn ich versuche, mal um den Häuserblock zu gehen, beginnt mein Herz schon nach 200 Metern zu schmerzen und ich nehme „Nitrokapseln“ um den Weg nach Hause zu schaffen. Das geht aber nur noch im Schneckentempo. Selbst uralte Leute mit Krückstock gehen schneller als ich und überholen mich unterwegs. WARUM LÄSST GOTT DAS ZU??? Wo bist du, Gott? Du machst dir da oben im Himmel wohl eine gemütliche Zeit und hast mich hier unten völlig vergessen! Hast du mich jetzt ganz im Stich gelassen?

Zur Ablenkung beschäftige ich mich mit meiner neuen Digicam und drehe mein erstes Video mit dem Titel Herzkasper.

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Bypass OP  (März 2005)

Wird es eine Bypass OP oder eine bye-bye Pass OP? Ich mache mir viele Gedanken über den Tod und das Sterben. Da ich vor der OP noch einige Tage im Krankenhaus herumlungern muss, um verschiedene Untersuchungen abzuwarten, nehme ich mir immer wieder ein wenig Zeit, um mit Gott zu reden, der mir ziemlich fern zu sein scheint. OK, ich habe mich in den letzten Jahren nicht viel um ihn gekümmert und einfach so vor mich hin gelebt. Dennoch bin ich mir innerlich sehr sicher, dass ich im Falle des Todes bei ihm aufwachen würde. Ich bin doch immer noch sein Kind und glaube an meinen Heiland und Erlöser, der einfach nicht anders kann, als gut und barmherzig zu sein. Er ist doch Liebe!

Er wird nicht vergessen haben, dass ich die meiste Zeit in meinem Leben versucht habe, ihm von ganzem Herzen zu dienen und Jesus nachzufolgen. Da mein Leben mir in der letzten Zeit ziemlich sinnlos und wenig lebenswert erscheint, ist mir der Gedanke, auf dem OP-Tisch zu verenden, eigentlich gar nicht so furchtbar unsympathisch. Auf ewig beim HERRN sein. Endlich die Sorgen und Lasten dieses so leicht verletzlichen Leibes hinter mir zu lassen, den Körper einfach abzustreifen und dem Gott der Liebe ganz nahe zu sein, der jede Träne von Deinen Augen abwischt und dich mehr tröstet als du je erwarten oder erhoffen kannst!

Nur meine liebe Frau und meine Kinder tun mir leid dabei! Ich glaube nicht, dass meine Frau wieder heiraten würde, und es würde mir sehr leid tun, wenn sie den Rest des Lebens allein leben müsste. Ich kenne zu viele alte Menschen aus meinem Beruf als Krankenpfleger, die so einsam im Alter leben müssen. Das ist ein Hundeleben und ich gönne das Niemandem! Schon gar nicht meiner lieben Sylvia, die von Jugend an mein Kumpel, meine Gefährtin und tapfere Ehefrau ist. Die Heldenmutter meiner vier Kinder. Was haben wir nicht schon alles zusammen durchgestanden und erlebt! Nein, ich möchte sie nicht allein lassen. Ohne mich wird sie einfach nicht klar kommen. Sie braucht mich doch! Und meine Kinder…, sollen mich meine Enkelkinder niemals kennen lernen? Ich freue mich doch schon darauf, mit ihnen später herumzutoben und ihnen alles zu erlauben, was meine eigenen Kinder nie durften, ihnen heimlich Geld und Süßigkeiten zuzustecken oder mit ihnen ins Kino zu gehen…

Im Krankenhaus gibt es ein Internet-Terminal, wo ich meine Emails checke. Dort kann man auch elektronische Grußkarten schicken, die erst nach Wochen losgeschickt werden. Zu einem bestimmten Termin. Ich schreibe meiner Frau einen Abschiedsbrief, den sie von mir erhalten wird, wenn ich schon lange im Jenseits bin. Mit einem schönen Abschiedsgedicht von Hölderlin oder so. Falls irgendwas schief geht.

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OP Tag

Früh am Morgen packt man sämtliche Klamotten zusammen, duscht noch kurz und zieht sich das Engelhemd an. Ich creme noch mal meine Haut ein. Der Krankenpflegschüler, der mich rasiert hat, hat es so gut gemeint, dass große Flächen meiner Haut ganz rot und abgeschabt sind und ziemlich brennen. Dann harre ich der Dinge und habe ein flaues Gefühl im Magen. Ich stehe an erster Stelle auf dem OP Plan. Nach zwei Stunden bangen Wartens kommt eine Schwester ins Zimmer und teilt mir mit, dass ich für heute vom OP Plan abgesetzt worden sei. Auch stark! Ich ziehe mir wieder meine Klamotten an und räume den Nachtschrank mit meinen Utensilien ein. Kaum bin ich damit fertig und habe mich wieder aufs Bett gelegt, kommt ein Mann vom Krankentransport und will mich zur OP abholen. Na toll. Ein Wechselbad der Emotionen. Wieder Engelhemd an, schnell die Beruhigungspille einwerfen, Klamotten in den Sack und los! Ist halt eine Universitätsklinik. Da kommen Notfälle aus ganz Deutschland rein und bis nach Dänemark hoch. Ich kann nachvollziehen, dass so mancher Plan dabei unter die Räder kommt. Aber für den Betroffen Patienten ist so was sehr unangenehm und nicht gerade sehr vertrauenerweckend. Ich werde in den OP gefahren, muss auf einen OP–Tisch umsteigen und die Narkose wird eingeleitet. Dann höre und sehe und weiß ich nichts mehr.

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Aufwachen und atmen

Das erste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich in meinem Bett aufgerichtet werde und gefragt wird, ob ich Schmerzen habe. Das bejahe ich, und man gibt mir eine Spritze in den Tropf. Danach weiß ich nichts mehr, außer, dass ich in irgendeiner Grauzone zwischen Tod und Leben fest hänge und es mir sehr schlecht geht. Die Zeit verrinnt endlos. Zwischendurch erlange ich manchmal halb das Bewusstsein und frage mich, wo meine Sylle bleibt. Die ist doch sonst immer da, wenn einer aus unserer Familie aus der Narkose erwacht. Aber ich bin nicht wirklich wach. Nach der Schmerzspritze kollabiert mein Kreislauf und die Atmung und ich muss für mehrere Tage wieder künstlich beatmet werden. Mein Zustand erinnert mich an irgendeine Vorhölle. Ich habe Schmerzen und entsetzlichen Durst, kann mich aber nicht rühren oder sprechen. Ab und zu höre ich Stimmen von Ärzten und einem Nachbarpatienten, der tagelang wirres Zeug von sich gibt. Einmal höre ich Ärzte tuscheln: Jetzt hat er auch noch Rhythmusstörungen und Vorhofflimmern. Ich glaub, der schafft es nicht mehr. Der Zustand ist hoffnungslos. Ich beziehe das auf mich. Mich umgibt eine große Traurigkeit und Leere. Viel Zeit vergeht in meinem zeitlosen Zustand. Ich weiß nicht, ob es Tage sind, Stunden, oder eine Ewigkeit. Dann höre ich auf einmal dicht neben mir eine Stimme: „Hallo, Herr Förthmann. Sind sie wach? Ich glaube, da ist jemand für sie gekommen!“

Ich mache die Augen auf und sehe meine liebe Frau. Mein Magen krampft sich vor Freude zusammen. „Endlich bist du da! Ich habe dich so vermisst. Mir ging es ganz furchtbar elend!“  Meine Frau weint und nimmt meine Hand. „Ich war schon ganz oft da, aber du hast nichts davon mitbekommen!“ antwortet sie. Sie erzählt mir kurz, was mit mir in den letzten Tagen los war, dann kommt der Arzt dazu, der mich operiert hat. „Herr Förthmann, atmen sie jetzt bitte mal ganz tief durch! So fest sie können“ befiehlt er. Ich habe keine Kraft zu atmen, schon gar nicht tief. Mein ganzer Brustkorb schmerzt und ich bekomme nur eine winzige menge Luft in die Lungen. Der Arzt versucht eine ganze Zeit, mich zum atmen zu bewegen, aber ich habe einfach keine Kraft dazu. Jeder Atemzug tut arg weh. Der Arzt verliert ein wenig die Beherrschung und schreit mich an, dass ich gefälligst atmen sollte, wenn ich leben wollte, aber es hilft alles nichts. In schneidendem Tonfall suggeriert er mir: „Herr Förthmann, sie können doch atmen, warum tun sie es denn bloß nicht?“ Ich wundere mich über meine Antwort, denn ich kann nur ganz ultralangsam sprechen: „Ich bin zu schwach.“  Meine Worte klingen, wie bei einem geistig Behinderten, der nur mit größter Mühe die richtigen Worte findet.

Die Besuchszeit ist kurz und bald kommt der Abend und die Nacht. Ich starre an die Decke und halluziniere ab und zu. Die Muster der Decke nehmen abenteuerliche und fließende Formen an.  Ich versuche mich immer wieder an die Anweisungen des Arztes zu erinnern wie ich atmen soll und versuche so tief einzuatmen wie möglich. Endlose Stunden lang. Ich fühle mich sehr allein und im Stich gelassen.

Die Nachtschicht läst die Jalousie zum Fenster ihres Dienstzimmers herab, so dass ich keine Pflegekraft mehr sehen kann. Sie versichern mir: „Wir lassen die Tür offen und hören alles, was sich in ihrem Zimmer abspielt! Keine Angst. Es kann nichts passieren! Sie brauchen nur zu rufen und schon sind wir da!“

Das Problem ist, dass ich gar nicht rufen kann. Nur ganz leise und langsam sprechen. Jedenfalls hört mich in dieser Nacht niemand, als ich versuche, zu „rufen“. Und niemand kommt. Nur zu den Routinekontrollen. Eine Klingel wird mir vorsichtshalber erst gar nicht in die Hand gegeben. Ich liege da in meinem Dämmerzustand und versuche immer wieder vernünftig zu atmen. „Für dich, Sylle“ sporne ich mich immer wieder an. „Ich atme für dich“

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Verlegung ins Friederikenstift

Ich weiß nicht mehr genau, wann sie kamen. Jedenfalls ging es mir noch sehr schlecht und ich hatte weiterhin die Probleme, richtig zu atmen. Meine Sauerstoffsättigung im Blut war entsprechend niedrig. Plötzlich baut sich eine kleine Gruppe Ärzte um mein Bett auf und erklärt mir, dass sie meinen Platz auf der Intensivstation brauchen würden, weil viele Notfälle reingekommen wären. „Sie sind zur Zeit unser gesündester Patient“, sagen sie. Ob ich einverstanden wäre, in ein anderes Krankenhaus verlegt zu werden?

Wenn ich noch der Gesündeste auf der Intensivstation bin, wie übel muss es dann erst den Notfallpatienten gehen, denke ich mir und sehe Bilder von Unfallopfern, die mit dem Tode ringen, vor meinem geistigen Auge. Ich will nicht daran schuld sein, dass irgendjemand  meinetwegen sterben muss und willige natürlich ein. Ich finde die Intensivstation in der MHH sowieso ziemlich schrecklich, weil nicht genug gegen meine Schmerzen unternommen wird, und ich ständig das Gefühl habe, nicht genug Luft zu bekommen. Irgendwann später finde ich heraus, dass dieser Spruch vom „gesündesten Patienten“ scheinbar der Standardspruch in der MHH ist, um schnell freie Betten zu bekommen.

In meinem halbtoten Zustand ist mir auch sowieso alles ziemlich egal. Dann kommen die Herren vom Notarztwagen, packen mich auf eine Trage und fahren mich zum Auto. Ein Arzt der MHH begleitet mich. Ich hänge an mehreren Infusionen, Sauerstoff, einigen arteriellen und venösen Zugängen und mehreren Perfusoren. (Große Spitzen, mit denen langsam Medikamente in die Venen injiziert werden)

Leider sind die Adapter meiner Sauerstoffzufuhr nicht mit dem Notarztwagen kompatibel, so dass die Sanitäter sich einen Notbehelf zusammenflicken müssen. Der Anästhesist, der mich begleitet, eröffnet mir, dass ich im Friederikenstift noch keinen  Platz auf der Intensivstation habe, sondern erst einmal vielleicht auf eine Normalstation komme. Das schürt Panik in mir, weil ich weiß, dass keine Normalstation für so einen Patienten mit dermaßen viel Strippen und Schläuchen ausgerüstet ist. Gott sei Dank weiß mein Arzt, dass ich auf jeden Fall intensivpflichtig bin, und telefoniert während der Fahrt noch einmal mit dem Friederikenstift, dass ich auf keinen Fall durch die normale Aufnahmeprozedur laufen kann, sondern sofort auf die Intensivstation gehöre. Das Notfallfahrzeug rumpelt und holpert über die Straßen. Ich spüre jeden Huckel. Mein Blutdruck steigt dramatisch an, aber der Dr. hat ein paar Adalat Kapseln dabei, die man zerbeißt, und die ganz schnell den Blutdruck senken. Dummerweise bin ich seit vielen Jahren schon fast resistent gegen das Zeug, so dass ich kaum darauf anspreche. Der Arzt wirkt ziemlich nervös und gehetzt, weil er kein anderes Medikament bei sich hat. Gott sei dank erreicht er, dass ich bei Ankunft sofort auf die Intensivstation komme. Dort müssen erst kleine Umbauten vorgenommen werden, weil ich so viele Schläuche, Drähte, Infusionen und Perfusoren an mir rumbammeln habe, dass der Platz dafür nicht ausreicht. Ich fühle mich richtig sterbenskrank.

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Leben auf der Intensivstation

Der Pfleger, der mich betreut ist sehr nett und hilfsbereit. Er macht mir auf Nachfrage sofort einen schönen roten Tee. Der ist einfach mehr als köstlich! Wenn du seit Tagen nichts gegessen und getrunken hast, kannst du solch einfache Dinge erst richtig schätzen. Der Hagebuttentee schmeckt einfach transzendent, himmlisch, göttlich. – ich bin Gott und allen Menschen dafür dankbar! Beim nächsten Hagebuttentee sage ich zu Walter, meinem Pfleger in etwa dies: „Walter, ich glaube nicht, dass du auch nur im Entferntesten abschätzen kannst, wie gut roter Tee schmeckt“!

Mir geht es zwar immer noch sehr schlecht, aber ich werde glücklicherweise regelmäßig mit Morphinen zugedröhnt, so dass ich kaum Schmerzen habe. Stattdessen fühle ich mich sehr ruhig und irgendwie zu Hause. Ich sehe blaue und rote Farbflächen an den Wänden und der Decke. Meine Gedanken kommen und gehen nur sehr langsam und ich kann mich kaum konzentrieren. Beim Sprechen fallen mir oft die Wörter nicht ein, die ich sagen will, oder ich spreche andere Wörter aus, als ich gewollt, hatte. Mein Gehirn scheint immer noch in einem seltsamen Dämmerzustand zu sein.

Irgendwann darf ich dann sogar etwas essen. – Welche Freude und was für ein Erlebnis! Suppe. Tomatig und rahmig. Später dann mit etwas Inhalt:  Suppe mit Nudeln oder Reis.

Meine Frau besucht mich jetzt jeden Tag und bringt mir mit, was immer ich mir wünsche: CD – Player mit Kopfhörern, Bibel und Losungen und ein Buch. Langeweile habe ich hier nicht – eine erhebliche Verbesserung.

An einem dieser Tage kommt Walter zu mir und fragt, ob er einen Pastor zu mir reinlassen solle? Ich denke kurz nach, wer das wohl sein könnte und frage, ob er evangelisch oder katholisch sei, in der Annahme, dass es der Krankenhausseelsorger  wäre. Dann antworte ich: „Immer nur herein, wenn es ein Pastor ist, egal welcher Konfession!“  Insgeheim dachte ich mir schon, dass es wahrscheinlich Bernd sein würde, mein alter Pastor aus besseren Tagen. Er ist bekanntermaßen einer der wenigen Pastoren, der seine alten Freunde und Weggefährten, sowie manches verlorene Schäfchen, über viele Jahre immer wieder besucht und nicht fallen lässt, wenn es ihnen schlecht geht, oder sie nicht mehr so viel mit Gemeinde und Glauben am Hut haben. – Ich freue mich sehr über diesen Besuch und das er nach meinem Wohlergehen fragt. Dankbar nehme ich sein Angebot an, mit mir und für mich zu beten. Ein Lichtstrahl und Hoffnungsschimmer für mich, auch wenn ich insgeheim so meine Zweifel an Gottes Willen habe, etwas für mich abgewrackten Kerl zu tun.

Der nächste Lichtstrahl kommt schon bald. (Meine Frau ist immer für mich ein Lichtblick, deswegen erwähne ich sie nicht immer) Meine Tochter Simone kommt  mich besuchen. Sie kommt ganz zögernd in meine Nähe und winkt schüchtern mit der Hand. Mir krampft sich vor Freude der Magen zusammen, sie ist so ein Sonnenschein für mich. Als sie mir die Hand gibt und mich umarmt, kullern ihr die Tränen die Wangen herunter. Ich muss wohl ein erbärmliches Bild mit meinen Schläuchen, Drähten und Infusionen abgeben. Aber darauf komme ich in diesem Moment nicht. Ich bin total verwundert über ihre Tränen und frage sie, warum sie weint? „Du bist doch mein Vater“, kommt es aus ihr heraus. – „Wie jetzt – dann hast du mich etwa doch lieb?“, frage ich erstaunt. (Teenager haben nicht unbedingt die Angewohnheit, ihren Eltern zu zeigen, dass sie gemocht und geliebt werden) „Ja, natürlich“, antwortet sie, „wie kannst du so was nur fragen?“ Dann drückt sie mich ganz herzlich.

Seit diesem Tag weiß ich, dass meine Tochter mich gern hat, – ich bin ein glücklicher Vater und strahle innerlich vor Freude, denn ich war mir viele Jahre nicht bewusst, dass meine Kinder mich wertschätzen und lieb haben. Darüber war ich oft sehr traurig, weil es mir eigentlich mit das Allerwichtigste ist, was es auf Erden gibt.

Nach der Hölle auf der Intensivstation der MHH, ist  das hier das reinste Paradies. Ich habe kaum Schmerzen und bin durch die Morphine gelassen und gut drauf.  Nur das große Geschäft auf der Bettpfanne ist mir ein bisschen peinlich, obwohl ich das früher als Pfleger selbst  tausendmal  bei anderen durchgezogen habe. Es muss nach mehr als einer Woche dann einfach mal sein, obwohl ich es den Pflegern nur ungern zumute.

Ein paar mal gibt es noch kritische Situationen, weil ich immer noch Vorhofflimmern habe und einen viel zu hohen Blutdruck, der sich kaum beherrschen lässt. Eine Ärztin sagt mir, dass ich mit dem Defibrillator geschockt werden müsse, wenn das Flimmern nicht bald aufhört. Das sind Stromstöße auf den Brustkorb in Narkose.  Aber ich komme noch mal drum herum.

Nach einigen Tagen bessert sich mein Zustand dann so weit, dass einige arterielle Zugänge gezogen werden können. Ein paar Infusionspumpen können abgebaut werden und ich werde auf Normalstation verlegt.

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Innere Aufnahmestation

Na wunderbar, alter Junge, jetzt geht es endlich aufwärts mit dir. Normalstation! Ich komme in ein Zimmer mit zwei sehr alten und kranken Männern. Sie sind kaum ansprechbar  und leider überhaupt keine Gesprächspartner. Ich bekomme jetzt ganz normale Vollkost als Mittagessen. Endlich mal wieder Fleisch, Gemüse und Kartoffeln. Meine Stimmung steigt. Dumm ist nur dass hier nicht wie auf der Intensiv ständig Schwestern und Pfleger um dich herum sind. Die kommen morgens zum waschen und Bettenmachen und sind dann weg.  Dann kommt das Frühstück und Medikamente. Ab und zu wird mal Blutdruck und Zucker gemessen. Doch viele Stunden ist es still im Zimmer, bis auf das gelegentliche Stöhnen meiner Bettnachbarn. Der Eine ist fast blind und kann nicht alleine essen. Ich bin froh, dass seine Frau jeden Tag sehr früh kommt, um ihn zu besuchen. Das ist ein wenig Unterhaltung und Abwechselung. Zum Fernsehen bin ich einfach zu schwach und schaffe es auch nicht mit den ganzen Kabeln und Kopfhörern umzugehen. Das Fernsehen läuft über das Telefon und lässt sich nur sehr schwer umschalten.  Ich kann mich durch die Operationsnarbe und die Wundschmerzen sowieso kaum rühren. Die uralten Krankenhausbetten kann ich selber auch nicht bedienen und muss streng auf dem Rücken liegen. Das wird mir langsam zur Qual, weil ich eigentlich nur auf der Seite richtig schlafen kann. Und dann diese zunehmenden Schmerzen.

Die Morphinspritzen werden ziemlich schnell reduziert. Ich werde auf andere Schmerzmittel umgestellt, die aber nur sehr schwach und kurz wirken. Und dann schließlich nur noch eine Spritze zur Nacht, deren Wirkung um 1.00 Uhr so abflaut, dass ich nicht mehr schlafen kann.

Ich liege endlose Stunden wach und höre auf das Klatschen des Regens gegen die Hausfassade. Manchmal hört es sich so an, als ob Pferdekutschen draußen in der Dunkelheit vorbeifahren. Oder  ist es nur der Wind, der mit den Lamellen der Jalousie spielt?

Die Nachtschwester darf mir kein Morphium mehr verabreichen und speist mich mit Paracetamol ab. Morgens schaffe ich es irgendwann, meine Frau anzurufen und sie zu bitten, mir irgendein „ordentliches“  Schmerzmittel zu beschaffen, da ich hier auf Station nicht ausreichend versorgt werde. Gott sei Dank haben wir noch ein paar stärkere Mittel zu hause. Die nehme ich jetzt immer, wenn ich die Schmerzen in der Brust nicht mehr aushalte. Hoffentlich gehen die mir nicht so auf den Magen.

Leider reichen die mitgebrachten Schmerzmittel für nachts nicht aus. So quäle ich mich Nacht für Nacht durch endlose Stunden voller Schmerzen und trüber Gedanken. Ich kann nicht lesen, kein Radio hören, nur im Dunkeln auf dem Rücken liegen und mich langweilen und den Pferdekutschen zuhören, die vorbeidonnern. Oder sind es Militärstiefel? Bitte Gott, erlöse mich von dieser Qual der endlosen Stunden mit Schmerzen allein im Dunkeln. Es ist langsam unerträglich geworden.

Meine Frau redet mit  der Stationsärztin und die verspricht, ein ordentliches Schmerzschema anzuordnen, damit ich endlich Ruhe finde.

Nach fünf schlaflosen Nächten bekomme ich  wieder Morphium in Tablettenform.

Endlich wieder schlafen!  Nach dem Frühstück und der Medikamenteneinnahme schlafe ich sofort wieder ein. Es tut so gut, sich entspannen zu können und schmerzfrei zu sein. Der Pfleger guckt allerdings sehr besorgt, als er mich irgendwann wecken muss. Ich habe das Gefühl, dass er so ein Besserwisser ist und aus irgendwelchen fachidiotischen Gründen dafür sorgen will, dass das Morphium wieder abgesetzt wird. Und richtig – Am Abend sind die Schmerzen wieder da, ich bekomme eine Spritze zur Nacht, die bis 1.00 Uhr wirkt und die Quälerei fängt von neuem an. Langsam macht sich Verzweiflung bei mir breit. Ich verliere die Nerven und flehe Gott, die Ärzte und das Krankenpflegepersonal an, endlich dafür zu sorgen, dass die Schmerzen aufhören. Vergeblich.

Morphium würde abhängig machen und  könnte zu einer Atemdepression führen, die für mich gefährlich sei. Ich kann ja auf Grund der großen Op- Wunde in der Brust sowieso nicht richtig tief atmen.

Allerdings ist es Schwachsinn, dass Morphium süchtig macht, wenn man es wirklich nur gegen starke Schmerzen einsetzt. Wenn man es nach der Schmerzfreiheit absetzt, gibt es keinerlei Entzugserscheinungen. Das ist wissenschaftlich erwiesen.

Offenbar kennen sich die Ärzte und Pflegekräfte nicht mit moderner Schmerztherapie aus und ich muss darunter leiden. Das mit der Atemdepression kann man auch vernachlässigen, da ich mit diesen Schmerzen in der Brust noch viel weniger tief atmen kann. Die wollen mich wegen ihrer Feigheit und Inkompetenz einfach quälen und leiden lassen! Ich drehe durch und flehe meine Frau unter Tränen an, mich aus dieser Folteranstalt zu befreien!  Der liebe Gott scheint sich mittlerweile ganz verkrümelt zu haben.

Ich weine mich beim Pfleger aus und flehe ihn an, etwas gegen meine kontinuierlichen Schmerzen zu unternehmen. Der glotzt mich nur höflich und verständnislos an und bringt mir Paracetamol. Diese Gesundheitsmafia auf der inneren Aufnahmestation ist wie eine zähe Wand aus Gummi. Kein Verständnis und kein Mitleid. Ich bin ihnen völlig hilflos ausgeliefert. Was soll ich nur tun?

Mein Gott, warum hilfst du mir nicht endlich? Dann lass mich doch lieber verrecken, als noch so eine von diesen schlaflosen, einsamen Nächten durchzumachen!

Irgendwann lassen die Schmerzen etwas nach. Irgendwann werde ich von den Schwestern an den Bettrand gesetzt und langsam mobilisiert. Mit Hilfe der Krankengymnastin gehe ich ein paar Schritte.

Ich werde geduscht. Dafür bin ich der Schwester sehr dankbar. Es tut so gut, den warmen Wasserstrahl zu spüren und nach Wochen mal wieder die klebrigen Haare zu waschen. Endlich mal das Gefühl, wieder so richtig sauber zu sein.  Ich kann mir so langsam vorstellen, irgendwann wieder einmal am Leben teilzunehmen. Aber das liegt noch in weiter Ferne.

Der Frühling kommt langsam. Es gibt einige sonnige Tage. Meine liebe Sylvia fährt mich mit dem Rollstuhl nach draußen in den Garten. Wie schön wäre es, wenn ich wieder richtig laufen könnte und im Sonnenschein spazieren gehen.

Nach einiger Zeit  schaffe ich es, alleine aufzustehen und mich den Gang entlang zu hangeln bis in die Vorhalle des Krankenhauses.

Dort sitzen immer ein paar Leute herum und man kann sich Cola oder Eis aus dem Automaten ziehen. Eine kleine Abwechslung.

Dann kommt Ostern. Sylvia holt mich am frühen Nachmittag ab und bringt mich für ein paar Stunden nach Hause. Ich sitze in meinem bequemen Fernsehsessel und genieße die Stunden mit der Familie. Ich würde jetzt so gerne zu hause bleiben, aber Sylvia bringt mich am frühen Abend wieder in diesen gehassten Krankenhauskasten.

Die Finger meiner linken Hand sind teilweise taub und gefühllos. Eine Folge des langen Liegens auf dem Op-Tisch. Der zuständige Nerv wurde dadurch gequetscht und beschädigt. Ringfinger und kleinen Finger kann ich überhaupt nicht richtig bewegen. Ob ich jemals wieder Gitarre oder Bass spielen kann? Ich fühle mich wie ein Behinderter. Die Neurologin sagt: „Das wird schon wieder“. Ich habe da große Zweifel.  Wenigstens kann ich jetzt schon mit Mühe allein duschen.

Irgendwann bemerkt meine Frau, dass das Aussehen meiner Wunde sich an einer Stelle ändert. Ich habe das Gefühl, dass die durchsägten Knochen sich wie lockere Schollen leicht verschieben.

In ein paar Tagen soll ich in die Reha-Klinik in Bad Bevensen verlegt werden. Vorher schaut sich noch ein Chirurg meine Wundnaht an und meint: „ Da könnte was sein!“ Aber gehen sie man ruhig erst mal nach Bad Bevensen. Die kennen sich damit aus!“

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Bad Bevensen – Reha-Klinik (April 2005)

Vor der Fahrt in die Heide bekomme ich noch eine Spritze Dipidolor (Morphin), damit ich die Fahrt gut aushalte. Mit den Fahrern des Krankentransports kann man sich gut unterhalten. Wir sind nach eineinhalb Stunden am Ziel und ich werde abgeliefert. Das Zimmer ist erste Sahne. Einzelzimmer mit Bad, TV und Telefon. Vom Balkon aus kann man in den nahen Nadelwald spucken. Es riecht nach Harz. Ich bekomme viele Zettel und DIN A4 Bögen mit Informationen und To-do-Listen. Die Medikamente darf ich mir jetzt selber stellen und 2x am Tag muss ich Blutdruck messen. Die Mahlzeiten gibt es im Speisesaal, so fühlt man sich gar nicht mehr wie im Krankenhaus, eher wie im Hotel.

Am nächsten Morgen geht es zu verschiedenen Untersuchungen und zum Radfahren auf dem Ergometer. Die Wege in der Reha-Klinik sind mir ein bisschen weit, so dass ich schnell völlig geschlaucht bin und erleichtert aufatme, wenn ich zwischendurch auf dem Bett liege. Leider war meine erste Nacht so ziemlich schlaflos. Nach meiner abendlichen Schmerzspritze kann ich 2 Stunden schlafen, bin aber um 1.00 Uhr wieder putzmunter, weil die Schmerzen im Brustkorb wieder beginnen. Außerdem kann ich im Liegen nicht mehr so gut durchatmen.

Man stellt im Ultraschall-Echo fest, dass ich eine Wasseransammlung im Pleuraspalt und im Herzbeutel habe, die das Atmen behindern. Ich weise auf die merkwürdig gefärbte Stelle an meiner Wundnarbe hin und bekomme einen Termin beim Chirurgen am nächsten Tag.

Die Nacht ist mal wieder fürchterlich. Ich kann vor Schmerzen nicht schlafen. Im Liegen habe ich Atemnot. Es gibt leider keinen Sessel im Zimmer, nur relativ harte Stühle. So sitze ich denn auf dem Stuhl und gucke fern. Das halte ich aber auch nicht lange aus, da das Sitzen zu anstrengend ist. Ich klingele nach der Nachtschwester, die mir statt Spritze das übliche Paracetamol bringt, dass noch nicht mal bei Kindern gegen Schmerzen hilft. Alles Kacke!

Am nächsten Morgen verpasse ich das Fahrradfahren. Dafür schlitzt mir der Chirurg mit dem Skalpell die OP-Wunde ein Stück weit auf und hat gleich eine Fuhre Eiter auf der Kompresse. Na schau einmal an. Er drückt und quetscht meine Wunde so stark, dass ich laut stöhne und Tränen in den Augen habe. Esslöffelweise fließt der Eiter aus der Wunde. Dann wird die Wunde gespült und bleibt offen, nur provisorisch mit Kompressen abgedeckt. Ich muss ab sofort starke Antibiotika nehmen. Vielleicht käme ich um eine erneute Operation herum, meint der Doc, aber viel Hoffnung gäbe es dafür nicht.

Auf Station gibt es eine Schmerzspritze extra, weil das Ausquetschen der Wunde gemeine lang anhaltende Schmerzen ausgelöst hat. Alle Termine an diesem Tag sage ich ab. Das essen wird mir aufs Zimmer gebracht, weil ich zu nichts mehr in der Lage bin, als auf dem Bett zu liegen.

Nach einer weiteren furchtbaren Nacht voller Schmerzen, Atemnot und Schlaflosigkeit gehen die Termine wieder los. Blutabnahme, Blutzuckerkontrolle im Ohr, Frühstück im Speisesaal, EKG etc. etc. Die Wege sind mir alle zu weit, weil ich einfach völlig kraftlos und ausgepowert bin. Statt zum Ergometertraining gehe ich ins Bett und schlafe ein wenig. Ich streiche alle Termine für den Tag und lasse mir das Essen nur noch aufs Zimmer bringen. Ich kann einfach nicht mehr. Der tägliche Verbandswechsel ist sehr schmerzhaft, weil immer der Eiter aus der Wunde gedrückt wird. Trotz Antibiotika gibt es keinerlei Besserung der Wunde. Ich habe Angst, dass ich einen dieser multiresistenten Keime, genannt ORSA oder MRSA, erwischt habe, für den die MHH bekannt ist.

Wenn ich den Gang hinab schlurfe, habe ich das Gefühl, als sei ein Holzbrett mitten auf meinen Brustkorb genagelt worden. Ich fühle mich einsam, weil ich nur noch in meinem Einzelzimmer rumhänge, Fernsehen gucke und auf die Mahlzeiten warte. Allein mit meinen Ängsten und Schmerzen.

Als der Chirurg mich noch einmal anschaut, eröffnet er mir, dass ich nochmals nachoperiert werden müsse. Ich bitte ihn, die Operation hier in der chirurgischen Klinik des Herzzentrums durchzuführen, da ich mittlerweile Panik vor der MHH in Hannover habe. Erstens haben die mir diesen blöden Erreger in der Wunde verpasst und zweitens habe ich noch furchtbare Erinnerungen an die Intensivstation.

Der Doktor ist aber der Meinung, dass diejenigen, die mich verpfuscht hätten, nun auch die Pflicht hätten mich wieder in Ordnung zu   bringen. Also heißt es unter keuchen und schwitzen die Reisetasche packen, denn der Krankentransport kommt schon bald. Zurück in die Medizinische Hochschule Hannover!

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Back in the MHH

Ich komme in ein großes Sechsbettzimmer mit vielen anderen „Herzkaspern“.  Der eine wartet auf ein neues Herz, der andere hat gerade eine OP hinter sich oder wartet auf eine besondere Untersuchung. Gott sei dank sind die Schwestern hier nicht so knauserig mit dem Dipidolor, meinem beliebten Schmerzmittel. Ich bekomme davon, soviel ich wirklich brauche, um schmerzfrei zu sein. Eine Erlösung! Ich kann endlich wieder nachts schlafen.

Der Fernseher läuft den ganzen Tag. Wir haben sogar Premiere Sport und können die Championsleage und Bundesliga live verfolgen. Die anderen Herzkasper im Zimmer sind sehr gesprächig und so kommt überhaupt keine Langeweile auf und ich höre viele interessante Geschichten. Zum Beispiel die von Herrn Platz: Als ich seinen Namen höre, erinnere ich mich sofort an das üble dahinvegetieren auf der Intensivstation hier im Hause. Während ich dort stundenlang mit dem schmerzhaften Luftholen kämpfte, hörte ich immer wieder seinen Namen: Herr Platz.

„Hallo Herr Platz, bitte hinsetzen“ tönte es um die Ecke. Oder: „So, Schatz und jetzt schön den Mund aufmachen“ von seiner Frau, die ihn jeden Tag besuchte. Ich hörte die Ärzte halblaut an seinem Bett reden, dass es wohl keinen Zweck mit ihm mehr hätte und dass er es wohl nicht „schaffen“ würde. Oder wie die Ärzte seiner Frau verklickerten, dass er wohl nie mehr in die Realität zurückkehren würde.

Herr Platz höchstselbst hatte mich tagelang mit seinem wirren Gerede und Geschrei genervt. „Alle festhalten, jetzt geht es los!“ hatte er gebrüllt. Ständig erregte er sich lautstark über irgendwelche unsichtbaren Phantome, die ihn offenbar bedrängten. Seine Stimme begleitete mich tagelang und es war offensichtlich, dass er sich in einem traumhaften Dämmerzustand befand, aus dem er nicht wieder herauskam.

Dieser selbe Mensch begegnet mir nun putzmunter und völlig bei Sinnen im Sechsbettzimmer wieder. Es geht ihm nicht nur völlig blendend, nein, er ist auch sehr gesprächig und unterhält das ganze Zimmer mit seinen Geschichten. Unter anderem war er Besitzer einer großen Gärtnerei gewesen, saß in mehreren Aufsichtsräten  und hat einen Schwimmverein gegründet. Ein nüchterner und praktischer Mensch, der mitten im Leben steht. Und dieser Mensch hatte ein besonderes Erlebnis auf der Intensivstation gehabt, dass er uns jetzt erzählt:

„Wisst ihr, Jungs, früher habe ich kein religiöses oder christliches Leben geführt. Gott hat mich überhaupt nicht interessiert. Jawohl ich habe irgendwie an ein höheres Wesen geglaubt, wie die meisten Menschen. Eine nebulöse Kraft, die alles bestimmt. Aber während die Ärzte auf der Intensiv mich schon aufgegeben hatten, hatte ich eine Vision von Gott. Ich war im Paradies und bin meiner Tochter begegnet, die schon lange verstorben ist. Ich war im Paradies! Früher glaubte ich so schwammig an irgendeine höhere Kraft, aber jetzt weiß ich das Gott wirklich existiert!“ Diesen Satz betont er sehr stark und mehrmals: „Jetzt weiß ich, dass es Gott wirklich gibt!“

Mir laufen die Tränen nur so die Wangen herunter und ich will dazwischenrufen: Ja, Herr Platz hat recht! Ich bin Gott auch schon begegnet – früher. ich weiß auch, dass mein Erlöser lebt! Aber ich kann keine Worte finden. Was, wenn sich ein Gespräch ergibt und die Anderen mich fragen, warum Gott mich denn nicht heilt, wo ich doch an göttliche Heilung glaube? Was wenn sie mich fragen, warum ich mein Leben nicht in den Griff kriege, wo doch Jesus mein guter  Hirte ist und immer auf mich aufpasst? Da hält der ehemalige Gemeindegründer, Bibellehrer, Prophet und Lobpreisleiter lieber die Schnauze und bleibt ganz still. Aber ich freue mich sehr über Herrn Platz und sein Erlebnis. Auch die anderen Herzkranken im Zimmer werden ganz still und nachdenklich.

Die Tage sind nett und freundlich. Die angekündigte schnelle OP lässt auf sich warten. Ich vertreibe mir die Zeit mit Zeitungslesen (was ich sehr liebe) und schlendere ganz langsam durch die große Eingangshalle, die mehr einer Ladenstrasse gleicht. Dort hole ich mir oft ein ausgesprochen leckeres Eis im Café und setze mich draußen im Park auf eine nahe Bank und genieße die Sonne. Es ist endlich Frühling geworden, die Bäume tragen wieder Grün und die ersten Blüten kommen heraus. Vögel zwitschern  und eine Katze rekelt sich im Gebüsch. Viele Kranke lassen sich im Rollstuhl in die Sonne fahren oder kommen allein angehumpelt und angeschlichen. Dicke Verbände um den Kopf oder die Extremitäten, Infusionen und Pumpen werden mitgebracht, durch die Medikamente in den Körper hineinfließen oder Wundsekrete abgesaugt werden. Aus manchen Extremitäten ragen metallische Geräte heraus, die in den Knochen verankert sind, sogenannte Fixateur Externe. Auf dem Rückweg komme ich an der Kapelle vorbei und schaue hinein. Bunte Glasfenster und ein riesiger Kerzenleuchter, der von Künstlerhand verziert ist, begrüßen mich stumm und freundlich. Auf dem Altar brennt ständig eine Kerze. Alles ist still und feierlich hier. Ich schlurfe zurück ins Zimmer, wo die anderen Herzkasper mich erwarten und ständig in Gespräche verwickeln. Vor lauter Gequatsche komme ich oft kaum mit meiner HAZ (Hannoversche Allgemeine Zeitung) zu ende, oder lese manchen Satz drei- viermal, weil ich ständig unterbrochen werde. Hauptsache die Zeit geht schnell um, denn ich möchte endlich operiert werden.

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Re –Thorakotomie

Das lateinische Wort ist schnell erklärt. Der Thorax (Brustkorb) wird erneut aufgeschnitten, die alten Metalldrähte um das Brustbein herum entfernt, der entzündete Teil des Brustbeins wird entfernt, und alles wird neu verdrahtet und zugenäht.

Heute früh soll es beginnen. Ich stehe schon früh auf, dusche mich und ziehe das Engelhemd, die orthopädischen Strümpfe und den Papierschlüpfer an. Es ist 7 Uhr und ich harre der Dinge, die da kommen sollen. Super, dass ich an erster Stelle auf dem OP-Plan stehe, dann geht es bald los. Während die Anderen ihr Frühstück bekommen, kriege ich den Bescheid, dass es doch noch etwas dauert und dass ich wohl so um 9 oder 10 Uhr abgeholt würde. Ich liege still im Bett, warte und bekomme nichts zu essen oder –trinken.

Ah, endlich – um halb Zehn gibt es die „Leck-mich-am-Arsch-Pille“. Danach werde ich ganz zufrieden und entspannt und nicke sogar ein wenig ein.

Es wird Mittag. Während die anderen ihr Mittagessen bekommen, stelle ich den Schwestern die Frage, wann ich denn nun endlich in den OP gebracht werde. „Das kann Nachmittag werden“, vermittelt man mir und bei mir kommt so langsam Frust und Unglaube auf.

Ohne Trinken und Essen verbringe ich den Tag im Bett. Ich darf nicht aufstehen, weil ich dadurch Krankheitserreger in mein frisch gemachtes Bett schleppen könnte.

Es wird Abend – die Spannung legt sich langsam – ich scherze mit den Bettnachbarn über die ständigen Verschiebungen von OPs, die sie auch zur Genüge kennen gelernt haben. Ich glaube nicht mehr, dass ich tatsächlich heute noch dran komme und richte mich darauf ein, endlich etwas zum Abendbrot zu bekommen. Aber denkste, es geht sofort los, sagt man mir.

Ich muss ganz schnell noch eine Beruhigungspille schlucken, da die Wirkung der ersten schon lange verflogen ist. Der Transporteur hat es sehr eilig, es muss plötzlich alles husch-husch gehen. Wir kommen im OP an und ich werde in den Vorbereitungsraum gebracht. Der Anästhesist legt noch schnell eine Verweilkanüle in meinen Handrücken, Infusion dran und los! „Es dauert noch einen Moment, “ wird mir gesagt, „der OP-Saal ist noch nicht frei, die sind da noch am operieren!“ Ich warte eine halbe Stunde. Der Anästhesist kommt wieder und entschuldigt sich: „Das ist wohl eine sehr schwierige Operation da drinnen.“ Ich werde aus der OP-Schleuse wieder herausgefahren und in einen separaten Raum gebracht. Neben mir liegt ein kleines Kind, dass am Weinen, quäken und schreien ist. Die türkische Mutter tut mir leid, sie kann ihr Kleines kaum beruhigen.

Langsam werde ich sauer. Es ist schon nach 21 Uhr abends, ich habe Durst und das Kind nervt. Wann fahren die mich endlich wieder zurück auf Station und geben mir was zu trinken? Das wird doch nichts mehr mit meiner OP, da sind Unfälle reingekommen, die wichtiger sind. Da können sie mich doch endlich hier erlösen!

Irgendwann geht es dann doch noch unerwartet wieder in die Op-Schleuse und ich bekomme meine Schlafspritze, die sofort wirkt. Ich bin dann mal ’ne Weile weg!

Nachts wache ich in der Intensivstation auf und habe starke Schmerzen in der Brust. Der Pfleger gibt mir eine Ampulle Morphin. Die hilft kaum und ich bin leise am Stöhnen. Es wird immer unerträglicher und mein Stöhnen wird lauter. Ich kann die Schmerzen kaum aushalten. Der Pfleger kommt wieder und hängt mir eine kleine Infusionsflasche mit Perfalgan (Paracetamol) an.

Ich kann nicht glauben, dass dieser Scheiß gegen solch starke Schmerzen helfen soll, doch der Pfleger meint, dass es hochwirksam sei. Außerdem kann Morphin ja eine Atemdepression verursachen, die ganz gefährlich sei. Nach der Infusion geht es mir möglicherweise fünf Minuten etwas besser, kann ich aber schlecht sagen. Ich stöhne weiter vor Schmerzen und weiß mir nicht zu helfen. Mir geht es einfach Hundeelend und ich fühle mich dem Pflegepersonal so völlig ausgeliefert. Schon im Friederikenstift haben die sich ein Ei auf meine Schmerzen gepellt und nur dämlich geguckt, wenn ich wegen der unerträglichen Schmerzen geklingelt habe. Besonders so ein besserwisserischer Pfleger ist mir da noch gut in Erinnerung. Der Intensivpfleger kommt unaufgefordert wieder und herrscht mich halblaut in einem unverschämten Tonfall an: „Nun hören sie mal endlich auf hier so laut zu stöhnen! Es sind auch noch andere Patienten hier, denen es schlecht geht. Sie sind schließlich nicht der Einzige hier! Nehmen sie doch endlich mal Rücksicht auf die Andern.“

Ich fange still an zu weinen und versuche mein Stöhnen zu unterdrücken. Aber es klappt einfach nicht, sondern wird mit der Zeit lauter und lauter. Schließlich fange ich an, unterdrückt zu schreien – ich halte das nicht länger aus – und irgendwie hilft das Schreien etwas gegen den Schmerz. Es geht jedenfalls nicht ohne! Mürrisch gibt mir der Pfleger endlich eine ausreichende Dosis Schmerzmittel. Die Wartezeit bis dahin scheint mir schier endlos. Ich bin nur dankbar und völlig unfähig, irgendwie aufzumucken.

Später in der Nacht oder am frühen Morgen kommt noch eine türkisch aussehende Schwester mit einer Schwesternschülerin an mein Bett. Sie wollen mir Blut abnehmen. Die Schwester gibt der Schülerin die Anweisung mich zu stechen, ohne mich um Erlaubnis zu bitten. Die Schülerin stochert in meinem Handrücken herum und quält mich ohne Erfolg. Eigentlich hatte ich heute Nacht schon genug Schmerzen, warum muss die ausgerechnet jetzt an mir üben? Ich bin zu schwach zum protestieren. Willenlos lasse ich die Prozedur über mich ergehen. Schließlich übernimmt die erfahrene Schwester die Blutentnahme.

Es wird Morgen und neues Personal erscheint. Ein möglicherweise schwuler Pfleger kümmert sich jetzt um mich. Gepriesen seien die Schwulen! Denn sie sind freundlich und fürsorglich.

Ich darf schon bald trinken und werde jetzt ausreichend mit Schmerzmitteln versorgt. Irgendwann kommt Gott sei Dank meine Sylle und tröstet mich. Ich darf sogar schon bald eine Suppe essen. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Es geht mir wieder besser.

Sechs dicke Schläuche hängen aus meiner Brust und meinem Bauch heraus. Über dem Brustbein läuft durch Zwei eine Spülflüssigkeit in die OP-Wunde hinein und über dem Bauchnabel kommen Vier heraus, die das Wundsekret und die Spülflüssigkeit absaugen. Alles läuft in einen Behälter, der mit einer Vakuumpumpe verbunden ist.

Schon abends werde ich wieder auf die normale Herzstation verlegt, zusammen mit all dem Gedöns, Infusionen und Pumpen. Bei der Übergabe an die Schwestern, die mich holen, zeigt der übergebende Arzt meine Kurve und bemerkt: „bekannter Morphinabusus!“ Wie bitte? Ich soll ein Drogenabhängiger sein? Ich hätte Morphin missbraucht? Wenn ich nicht so schwach wäre, würde ich dem hochnäsigen Kerl in den Arsch treten. Dieser blöde Pferdeschwanzträger, was bildet der sich ein? Woher soll ich denn im Krankenhaus an Morphium kommen? Und das habe ich mir wohl immer heimlich irgendwie verabreicht? Ich bin stinksauer und überlege, ob ich mich über den Kerl später beschwere, falls ich jemals wieder zu Kräften komme.

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Herzstation 15

Gott sei Dank bin ich weg von dieser vermaledeiten Intensivstation! Dort ist man hilflos den Launen des Personals ausgesetzt und ist zu schwach um sich zu wehren. Hier auf Station 15 sind wenigstens normale Menschen. Morgens kommen oft drei hübsche, junge Krankenschwestern zum Bettenmachen, die schnell in „drei Engel für Charlie“ umgetauft werden. Das die bei all dem Stress so nett und fröhlich sind – immer für einen Joke zu haben und immer gut drauf. Ich bin dankbar.

Hier werden meine Wundschmerzen wenigstens ausreichend behandelt. Ich bin so was von erleichtert, dass die Ärztin mir verspricht, jedes Mal eine Ampulle Dipidolor zu spendieren, wenn die Schmerzen unerträglich werden.  Und sie hält tatsächlich, was sie versprochen hat. Ich hatte solche Angst, wieder verarscht zu werden wie in der „Friederike“, aber ich muss keine Schmerzen mehr erleiden – es geht mir so gut!

Die Betten in der MHH sind ‚ne Wucht! Schon nach kurzer Zeit schaffe ich es, mit einem Arm, an dem keine Schläuche bammeln, das Bett hoch und runter zu stellen, wie es mir gerade bequem ist. Was für ein Segen für jemand, der gewohnt ist, auf der Seite zu schlafen, wenn man wenigstens das Kopfteil selbständig bewegen kann. Und dann sogar noch das Fußteil! So mache ich mir oft eine saubequeme Mulde, indem ich Fuß- und Kopfteil gleichzeitig anhebe. Dadurch kann man auch das ganze Wundgebiet entlasten. Zusätzlich habe ich einen breiten, flexiblen Gurt um die Brust, der die Wunde komprimiert und fixiert, so dass die Schmerzen durch unwillkürliche Bewegungen begrenzt werden.

Nach drei Tagen bin ich komplett schmerzfrei und brauche keine Morphinspritzen mehr. Nun reichen die weniger starken Schmerzmittel aus und selbstverständlich habe ich keinerlei Entzugserscheinungen von dem wochenlangen Opiatkonsum. Manche Ärzte und Schwestern oder Pfleger spinnen einfach total, wenn sie so starke Bedenken wegen der Suchtwirkungen von Opiaten haben. Es ist völliger Quatsch, dass ein Mensch, der tatsächlich starke Schmerzen hat, süchtig von dem Zeug wird. Es ist vielfach erwiesen und durch Erfahrungen in Kriegszeiten belegt, dass man Morphine problemlos absetzen kann, wenn die Schmerzen aufhören. Und so ist das auch bei mir der Fall. Kein Verlangen nach der Spritze mehr, keine psychische Abhängigkeit, nur Glücksgefühle über die Tatsache, keine Schmerzen mehr zu haben. Endlich…

Irgendwann hat meine Brustspülung ein Leck und die ganze Spülflüssigkeit läuft nicht mehr in die OP-Wunde hinein, sondern irgendwie nebenbei. Mein Nachthemd und der Brustgurt werden ständig nass und ich klingele öfter mal, um „trockengelegt“ zu werden. Wie dankbar bin ich für die aufopfernde Pflege der Schwestern, die mir ein neues Nachthemd und Brustgurt anziehen und mir den Rücken mit Franzbranntwein abreiben. Ich liebe diesen Geruch von ätherischen Ölen und Alkohol. Wenn die Nachtschwester nicht sofort Zeit hat mir zu helfen, sagt sie mir konkret was sie noch zu tun hat und wann sie kommen wird. Ein Hoch auf alle Nachtschwestern!

Es macht keinen Sinn mehr, die Brustwunde noch weiter zu spülen, weil fast alles daneben läuft. So beschließen die Ärzte, die beiden zuführenden Schläuche zu ziehen. Ich denke mir nichts dabei, denn das Ziehen von Verweilkanülen oder Kathetern ist eigentlich so gut wie schmerzlos. Arglos wie ich bin, freue ich mich auf die Prozedur. Jeder Schlauch der entfernt wird, ist ein Weg bergauf – hin zu meiner völligen Genesung. Aber holla! Wie erfrischend, bohrend und ziehend ist denn dieser Schmerz? Es fährt mir durch alle Glieder und ich zittere am ganzen Körper. Die Schläuche waren ziemlich dick und steckten tief im Körper – Gut, dass ich vorher nicht wusste, wie weh das tut. Und der Schmerz ist nach ein paar Minuten vorbei und kommt auch nicht wieder. Doch mir graut schon vor dem Ziehen der restlichen vier Schläuche im Bauch. Die sind nämlich noch um einiges dicker, sind aber Gott sei Dank nicht heute dran, sondern erst in ein paar Tagen.

Ich bekomme jeden Tag Besuch von meiner Frau, die mir geschickt mit dem Waschlappen mal die Haare wäscht. Gut, dass ich mir von ihr einen „Mecki“ vor der OP schneiden ließ, denn Haarewaschen geht bei einem Bettlägerigen einfach sehr schwer. Sie cremt mir sogar die Füße mit Bodylotion ein, weil die Haut immer so schnell bei mir austrocknet. Solchen Luxus können sich die vielbeschäftigten Pflegekräfte kaum leisten.

Auch mein Hauskreis-Klaus kommt öfter vorbei. Er ist in der MHH beschäftigt und verbringt so manche Pause an meinem Bett. Das finde ich sehr nett, obwohl ich manchmal den Verdacht habe, dass er hauptsächlich kommt, weil es auf dem Flur einen Wagen mit immer frischem Kaffee gibt. Dann kommt mein großer Sohn, der Ben, auch ständig und stellt mir eine Freundin vor, die zufälliger Weise gerade Schwesternschülerin auf meiner Station ist. Ich müsste sie eigentlich noch aus meiner alten Gemeinde kennen, wo sie oft im Gottesdienst mit den Jugendlichen saß. Fehlanzeige. Sie kommt mir völlig unbekannt vor, obwohl der Jugendkreis sich ab und zu in unserem Keller getroffen hatte.

Emilia ist sehr nett und außerordentlich erfrischend in ihrer unkomplizierten Art. Sie mag zwar keine Nadel mit dem Antithrombosemittel in meinen Bauch stechen, weil sie mich nicht quälen will, aber sie setzt sich oft an meinen Bettrand, liest mir die Herrnhuter Losungen vor und betet für mich. Obwohl der Glaube an das Wort Gottes bei mir ziemlich durchlöchert ist und ich kaum noch auf die Kraft des Gebetes  vertraue, stärkt mich ihr kindlicher Glaube. Eigentlich habe ich tausend Einwände, Zweifel und kritische Anfragen an Gott, aber ich will der kleinen Schwesternschülerin nicht weh tun und versuche so gut wie möglich die Klappe zu halten und meine Enttäuschung über Gott zurück zu halten. Nach Dienstschluss kommt sie immer vorbei, um sich zu verabschieden und zu plaudern. Ich freue mich jedes Mal sehr über ihre Besuche.

Jeden Morgen wird mir Blut aus der Vene entnommen, ich weiß auch nicht, ob das so häufig sein muss, aber ich muss mich damit abfinden. Meine Beiden Arme sind schon völlig zerstochen, da ich ja schon seit Wochen im Krankenhaus liege. Deshalb muss ab und zu auch mal der Handrücken oder eine andere Stelle herhalten. Am häufigsten besucht mich Dr. Cho aus China, der nur gebrochen deutsch spricht. Er hat das typisch chinesische Grinsen drauf, während er meistens an der Vene vorbei sticht. Dann sucht und prokelt er noch eine Weile im Arm herum, ob der Quell noch anderswo anzubohren wäre, aber nach dem dritten Versuch an unterschiedlichen Stellen holt er dann einen Profi zur Hilfe. (Im Krankenhaus werden meistens nur die zum Blutabnehmen kommandiert, die es noch lernen müssen)

Eines Tages trifft er tatsächlich auf Anhieb eine ergiebige Stelle, die ich sofort mit dem Kuli markiere und „Dr. Cho Point“ taufe. Das nächste Mal bestehe ich darauf, dass er nur noch an dieser Stelle sticht und es klappt tatsächlich so. Leider nur einmal, dann ist wieder Sense damit.

Dann kommt der Tag, an dem die restlichen Schläuche gezogen werden sollen. Ohne Betäubung jeglicher Art. Ich habe ziemlichen Bammel davor, denn der Schmerz vom letzten Mal war kaum auszuhalten. Dr. Cho und ein Arzt mit türkischem Akzent nähern sich meinem Bett und ich schaue hilfesuchend und verzweifelt im Zimmer umher. „Kann das nicht jemand anders machen?“, frage ich den Türken, „meine Frau ist gar nicht da um bei mir Händchen zu halten!“ „Das mit dem Händchen halten kann doch Dr. Cho übernehmen“, grinst der Türke, aber er holt vorsichtshalber die Stationsärztin dazu. Mein Gesichtsausdruck muss wohl doch ziemlich verzweifelt gewesen sein!

Die Ärztin ist eine junge Griechin und sehr hübsch. Sie bietet mir tatsächlich an, meine Hand fest zu halten während die grinsenden Schlachter die fetten Plastikschläuche aus meinem Bauch ziehen und drückt mich dabei ganz fest an ihre Brust. Es sind wirklich höllische Schmerzen, die aber in wenigen Minuten nach der Prozedur verschwinden. Und die Nähe einer hübschen dunkeläugigen Schönen  hilft tatsächlich, den Schmerz zu lindern. Was eine Frau doch für einen Unterschied ausmachen kann! Ich bin ihr jedenfalls sehr dankbar für den seelischen Beistand.

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Der Garten, die Halle und der Gottesdienst

Nun darf ich so langsam aufstehen und ein paar Schritte laufen. Zu Anfang bin ich froh, endlich alleine auf die Toilette gehen zu können und den Gang einmal auf und ab zu schlurfen. Viel geht nicht, aber ich steigere mich von Tag zu Tag.

Schon bald mache ich mich heimlich aus dem Staub, gehe zum Fahrstuhl und fahre runter in die große Eingangshalle, die gleichzeitig eine Ladenstrasse ist. Früh am morgen nach dem Frühstück hole ich mir die Tageszeitung vom Kiosk und lese sie ausführlich und genüsslich. Ab und an schlendere ich am Café, dem Andachtsraum und dem Lebensmittelladen vorbei. Eine Patientenbücherei und einen Buchladen gibt es hier auch. Und…einen Internetanschluss, einen Geldautomaten, einen Blumenladen und viele bequeme Sessel mit Aussicht in den parkähnlichen Garten.

Es ist nun wirklich ein herrlicher Frühling geworden, draußen knospt und blüht es schon gewaltig. Ich setze mich auf eine der Bänke im Park, wenn die Sonne scheint und lese Zeitung. Viele Kaputte und Kranke wandern hier umher oder sitzen auf den Bänken mit Verbänden, Schienen, laufenden Infusionen oder Pumpen oder werden im Rollstuhl geschoben. Es wird geraucht und Eis gegessen oder man sitzt und steht in Grüppchen herum und schwatzt zusammen.

Ob es mit mir endlich wieder bergauf geht? Ich habe kaum die Puste, um längere Strecken im Park zu gehen und verliere ganz schnell die Kraft.  Ich gehe eigentlich auch nicht wirklich – ich schleiche dahin und werde von alten Opas und Omas mit Leichtigkeit überholt. Die kleine Treppe im Park erscheint mir wie ein unüberwindliches Hindernis und ich brauche ewig, um sie emporzuschleichen. Schritt für Schritt… Schritt für Schritt muss ich meine ganze Kraft zusammennehmen.

In der Halle liegt der Gemeindebrief der evangelischen Kirche aus. Ich blättere in ihm herum und lese die Bibelverse. Sie sind ermutigend und regen mich zum Nachdenken an. Hat Gott mich ganz und gar verlassen? Denkt er überhaupt noch an mich und meine Misere? Ich bete seit Wochen so gut wie gar nicht mehr und lese seit langer Zeit meine Bibel nicht mehr. Was will er mit so einem abgefallenen, kaputten Christen wie mir auch noch anfangen? Ich kann ja gar nichts mehr für ihn tun, ich halte mich gerade so eben über Wasser. Ich schaue auf die großen Nadelbäume draußen, stelle mir vor, wie harzig sie riechen und werde innerlich sehr ruhig. Es ist schön hier auf den Sesseln vor der Kapelle.  Meine Gedanken wandern herum in die Vergangenheit, wie ich mit Gott gelebt und was ich alles mit ihm erlebt habe und versuchte für ihn zu tun. Hatte das überhaupt irgendeinen Sinn gehabt? Konnte ich wirklich Menschen inspirieren, ihnen Glauben, Hoffnung und Liebe vermitteln, oder war ich nur ein Selbstdarsteller gewesen? Gott redet schon seit vielen Jahren nicht mehr mit mir, er schweigt auch jetzt. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass er dennoch da ist und mich irgendwie trägt, obwohl ich so ein Heide geworden bin und überhaupt nichts mehr für ihn tue. Und obwohl er mich in dieses elende Loch der Krankheit hat fallen lassen. Er ist dennoch gegenwärtig.

Ich mache noch eine kleine Tour durch den Garten und sinniere im Gehen weiter. Leise murmelnd rede ich mit Gott und ein Psalm Davids kommt mir in den Sinn. Die Verse und das frische Grün des Parks trösten mich, ja ich bekomme sogar neue Hoffnung und spüre etwas vom Frieden, den Jesus uns versprochen hat.

Es ist zehn Uhr zehn. Ich gehe an der Kapelle vorbei und bemerke: „Es ist ja Sonntag heute und der Gottesdienst läuft schon“! Still öffne ich die Tür und nehme in der letzten Reihe platz. Das Licht scheint mild und schön durch die bunten Glasfenster, auf dem Altar brennen Kerzen. Jemand reicht mir schnell ein Gesangbuch und ich versuche leise die altertümlichen Lieder mitzusingen. Die Melodien kenne ich kaum noch, aber die Texte sind tiefgründig, sprechen von Leid, Freude an Gott und Erlösung. Dann fängt die blonde Pastorin an zu predigen und spricht über den gleichen Psalm, der mir im Park in den Sinn kam. Zufall? Mir schießen Tränen in die Augen und Ich schäme mich nicht. Beim Abendmahl gehe ich nach vorne und nehme Brot und Wein in Empfang. Für mich ist es mehr als natürliches Brot und natürlicher Wein. Es ist Gemeinschaft mit Jesus, dem gekreuzigten und Auferstandenen. Es ist Gemeinschaft mit den anderen Gläubigen, die am Altar stehen. Blicke mit meiner Nachbarin, einer älteren Dame, kreuzen sich und ich sehe den Glauben und Dankbarkeit in ihren Augen. Wir sind Geschwister im Geiste. Ich werde irgendwann wiederkommen.

An einem sonnigen, warmen Tag im Mai höre ich plötzlich Musik aus dem Park heraufschallen. Meine Sylle schnappt mich unter dem Arm und wir gehen hinunter und schauen uns die Sache an. Ein großer Bläserchor spielt alte und moderne Melodien. Wir setzen uns in der Nähe auf die Bank und hören zu. Viele haben ein Lila Halstuch umgebunden. Es ist Kirchentag in Hannover. Ich finde es nett, dass der Kirchentag direkt zu mir ins Krankenhaus kommt. Alle Bläser sind mit Inbrunst bei der Sache. Ein alter Herr sieht aus wie 90 Jahre alt, steht in der prallen Sonne und spielt Posaune für mich. Was hat der nur für eine Power bei der Hitze! Neben dem Bläserchor stehen kalte Getränke, die uns Kranken gereicht werden. Das ist mehr als eine Geste. Ich bin sehr gerührt und singe bei einem schönen alten Gospel die Verse mit. Amazing Grace, how sweet the Sound…

Der Sound ist einfach klasse und ich bin mitten drin. Obwohl meine Musik mehr Rock und Blues ist, macht es Spaß, den Leuten zuzuschauen, denn sie haben Freude bei der Sache und strahlen sie auch aus. Oh happy day!

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Zurück nach Bad Bevensen

Auf ein Zweites! Der Krankenwagen holt mich mal wieder ab und rollt mit mir erneut in die Reha-Klinik in Bad Bevensen.

Diesmal ohne Schmerzen, halleluja. Mein Zimmer ist schön, ich schaue auf dichten Nadelwald, dessen Harz man bis rauf auf meinen Balkon riechen kann. Ich atme tief ein, denn ich liebe diesen Geruch! Er ist bestimmt gesund für die Bronchien.

Alles ist ganz ruhig hier, bis auf das leise klopfen eines Motors oder Dieselaggregats, dass aus dem Keller heraufzuschallen scheint. Na ja man hört es nur ganz leise und ich kann ja meine Musik und den Fernseher aufdrehen, falls es mal stören sollte.

Ich habe einige MP3-Cds und einen CD-Spieler, der dieses Format abspielen kann. So habe ich fast die Hälfte meiner Musiksammlung mit dabei und höre Hendrix, die Doors und Beatles. Rock’n Roll ist doch was Feines. Diese Rockerhelden haben auch viel Scheiß in ihrem Leben erlebt und sind oft früh gestorben. Schade, dass meine beiden Finger der linken Hand immer noch taub sind, mit dem Bass spielen wird wohl nichts mehr – Scarlet Anvil Band Ade! Hat immer viel Spaß gemacht die Verstärker hochzudrehen und die Gitarren jaulen zu lassen. Mit Arbeit ist wohl auch Sense, mein Herz scheint einfach zu schwach dafür. Nach einiger Zeit mache ich Gymnastik mit und gehe mit einer Gruppe draußen „Walken“ mit Skistöcken.

Beim „Nordic Walking“ stellt sich heraus, dass viele Leute, die wesentlich später als ich operiert wurden schon wesentlich fitter sind als ich. Die werden in die nächste Gruppe befördert, die schneller und mehr laufen. Aber ich bin schon froh, dass ich es überhaupt schaffe, bei diesen Aktivitäten im Freien mitzumachen.

Ab und zu gehe ich allein ein paar hundert Meter durch den angrenzenden Nadelwald und atme tief den harzigen Duft der Kiefern ein. Mmmh… ich liebe diesen Geruch. Er ist so lebendig und irgendwie leicht betäubend – als ob man Gesundheit einatmet. Entlang der Hauptstrasse gibt es einen Waldweg, der schnell zu einer Kanalbrücke führt. Auf der Brücke ist es meistens windig und ich bin froh, eine warme Jacke anzuhaben. Hier kommen viele Binnenschiffe entlanggeschippert und ich sehe ihnen zu, wie sie am Horizont auftauchen und vorbeifahren. Manche haben ihre Pkws auf Deck mitgenommen, manche trocknen ihre Wäsche auf Deck. Irgendwie beneide ich diese Leute mit ihrem unabhängigen Leben. Immer unterwegs durch schöne Natur. Kein Stillstand wie bei mir – die kommen voran! Manchmal ergibt sich ein kleines Gespräch mit anderen Patienten, die auch auf der Brücke verweilen, aber meistens stehe ich dort allein und schaue den Booten und Schiffen zu.

Außer Gymnastik und Nordic Walking gibt es regelmäßiges Ausdauertraining auf dem Ergometer in der Gruppe. Da werden immer lustige Sprüche gemacht und zwischendurch Blutdruck und Puls gemessen. Dann gibt es noch Vorlesungen über die richtige Ernährung, den heilenden Effekt von Bewegung und Sport sowie Aufklärung über Herzkrankheiten. Das Entspannungstraining gefällt mir mit am Besten, weil man da meistens ganz ruhig auf der Liege herumliegt. Die Befürchtung, sich hier auf „esoterische“ Praktiken einzulassen erweist sich schnell als unbegründet.

Nach dem Mittagessen, das ich zusammen mit den Anderen im Speisesaal genieße ist fast immer Zeit für einen kleinen Mittagsschlaf oder zumindest Ausruhen auf dem Bett, bevor die nächsten Veranstaltungen, Untersuchungen oder Therapien losgehen. Komisch – heute Nachmittag klopft das Dieselaggregat im Keller aber unrund. Es stolpert ab und zu. Oder setzt zwischendurch aus. Merkwürdig. Ob da was kaputt ist? Ich fühle mir selbst den Puls und stelle mit Schrecken fest, dass mein Herz sich im selben Takt wie die Pumpe im Keller zu befinden scheint.  Es gibt überhaupt kein Aggregat im Keller – ich höre meinen eigenen Herzschlag, wenn die Umgebung ruhig ist! Leise Panik steigt in mir auf. Das ist doch nicht normal! Niemals konnte ich zuvor meinen Herzschlag ohne Stethoskop hören. Ob wirklich alles mit mir in Ordnung ist? Ich habe ja immer noch Wasseransammlungen im Herzbeutel und im Pleuraspalt. Ob die Luftnot bald wiederkommt? Geht die Entzündung meines Brustbeins wieder los? Bloß nie wieder diese furchtbaren Schmerzen durchmachen müssen!

Ein Kollege von mir in der Reha-Klinik, ein junger Mann von knapp 40 Jahren und Familienvater hatte auch eine Entzündung des Brustbeins wie ich und schon die dritte OP hinter sich. Und nun wurde wieder Eiter in seinem Wundgebiet entdeckt. Sein Brustbein ist nur noch rudimentär vorhanden und er hat Angst vor einer nochmaligen OP. Er tut mir sehr leid. Seine Kinder sind noch so klein und sie vermissen ihren Papa. Er ist schon so lange im Krankenhaus. Viel zu lange.

Ich fühle mich sehr allein hier in Bevensen in der Heide. Manchmal wäre ich lieber wieder im Mehrbettzimmer in Hannovers MHH. Man hat viel zu viel Zeit zum Nachdenken im Einzelzimmer. Man hat zu viel Zeit sich Sorgen zu machen. Ich vermisse den täglichen Besuch meiner lieben Frau. Draußen dreht sich die Welt munter weiter, meine Frau geht arbeiten, die Kinder studieren oder gehen zur Schule oder in ihre Ausbildungsbetriebe. Ein Sohn von mir ist weit weg in Israel als Zivildienstleistender. Und ich sitze hier fest in der Walachei! Das tägliche Telefonat mit meiner Frau bestätigt eher mein Gefühl von Einsamkeit.

Als sie mich am Wochenende einmal mit dem Motorrad besucht, bitte ich sie zu mir aufs Bett zu kommen und sich ganz eng an mich zu kuscheln. Es tut mir so gut, ihre Nähe zu spüren – für eine halbe Stunde. „Gott sei dank hältst Du zu mir in dieser schweren Zeit!“ Ich wäre so gern wieder zu hause bei Dir.

Das tägliche Training geht weiter, aber ich spüre kaum Fortschritte in meinem kraftlosen Zustand. Immer noch fühle ich dieses seltsame angenagelte Holzbrett auf dem Brustkorb. Immer wieder höre ich meinen Herzschlag stolpern, wenn es still um mich ist.

In der letzten Woche meines Aufenthalts geht es runter ins kleine Hallenbad. Ich bin so richtig glücklich, denn ich liebe das Schwimmen. Man fühlt sich so leicht im Wasser und ich tauche gern. Wir plantschen als Gruppe munter im kleinen Becken herum, machen Späße und kleine Übungen. Hoffnung keimt in mir auf. Vielleicht wird mein Zustand ja doch noch mal irgendwann besser. Hier im Wasser kann ich mir das direkt vorstellen.

Als wir aus dem Becken raus müssen, fühlt sich mein Körper „an Land“ dreimal so schwer an wie vorher. Der Kreislauf und das Herz haben sich schon so sehr an den Auftrieb und die Leichtigkeit im Wasser gewöhnt,  dass sie nun ganz beleidigt über die normale Schwere an Land sind. Mein Körper fühlt sich an wie Blei und ich habe Angst völlig zusammenzuklappen. Aber nach zehn Minuten habe ich mich wieder an die „normale Schwere“ gewöhnt.

Am Wochenende besuchen mich meine Freunde von der Scarlet Anvil Band, Pico und Uwe. Sie versuchen mich aufzubauen und wir sitzen in der Cafeteria und plaudern bei Cola, Kaffee und Eis. Ringfinger und kleiner Finger der linken Hand sind immer noch taub und schwer beweglich. Ob wir jemals wieder zusammen einen „Ton machen“ und ein „Rohr fahren“ werden? (d.h. Die Verstärker auf volle Lautstärke drehen und es krachen lassen) Ich habe das Gefühl, mit unseren angepeilten Bühnenauftritten wird es nichts mehr. Jedenfalls nicht mit mir als Bassist.

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Wieder zu hause

Man fasst es kaum. Nach drei Monaten heftigster emotionaler Achterbahnfahrt in 3 Krankenhäusern bin ich tatsächlich wieder zu hause und sitze im Garten an der Sonne.

Ich fühle mich zwar schwach wie mein alter Vater, der hier auch mal für ein paar Wochen wohnte und den Garten sehr genoss. Und Irgendwie fühle ich mich ihm nah, wenn ich so in die Sonne blinzele, die mich sanft erwärmt.

Eine große Last ist von mir abgefallen. Freiheit. Ich atme wieder die Freiheit.

Ab nun geht’s bergauf mit mir und ich fahre sogar wieder Fahrrad und sause Marina und Sylle in der weitläufigen Leinemasch davon. Was bin ich glücklich für einen ganzen Monat. Ich habe nachts ein Beatmungsgerät laufen, dass mein Herz noch mehr mit Sauerstoff versorgt. Man fühlt sich zwar am nächsten Morgen wie aufgeblasen aber ich habe ja diese herzschädigenden Atemaussetzer des Nachts und daher muss es sein. Man soll dadurch nicht mehr so müde tagsüber sein, wenn man am Schlafapnoesyndrom leidet so wie ich. Ich mache mit dem Teil einen lustigen Videofilm mit meiner Digicam und lade ihn auf Youtube hoch. Titel: „Der Frosch mit der Maske“ (In Anlehnung an einen alten Edgar Wallace Film)

„Was ist denn jetzt schon wieder mit mir los?“, denke ich mit Schrecken, als ich eines Abends im Bett bemerke, dass ich im Liegen mal wieder nicht so richtig Luft bekomme. „Ist da etwa schon wieder Wasser in der Lunge oder im Pleuraspalt“? Natürlich passiert das ausgerechnet am Wochenende, also muss ich bis Montag warten um meinen netten Hausarzt aufzusuchen. Der verschreibt mir eine erhöhte Dosis meines Diuretikums, welches die Aufgabe hat, dass Wasser auszuschwemmen und lässt eine Blutprobe abnehmen. Meine Situation verbessert sich leider überhaupt nicht. Die Atemnot nimmt eher noch zu, so dass ich mir dicke Kissen unter den Oberkörper packen muss, damit ich in halbsitzender Position schlafen kann. Ich bin auch tagsüber schlapp und müde und habe keine Kraft mehr mich großartig zu bewegen, geschweige denn mit dem Fahrrad eine Runde zu drehen. Nach einigen Tagen kommt das Ergebnis der Blutprobe. Meine Entzündungswerte sind sehr hoch und der Arzt vermutet eine Lungenentzündung. Er schreibt mir eine Einweisung ins Krankenhaus und ich fahre noch am selben Tag in die Notaufnahme der MHH.

Stundenlanges ausharren im Wartebereich während viele Unfallopfer und mehr oder weniger kaputte Menschen an mir vorüberziehen, die nacheinander in die Behandlungsräume gebracht werden. Zwischendurch muss ich zum Röntgen und irgendwann bin ich dann auch an der Reihe. Mir wird Blut abgenommen und ich erkläre der Ärztin warum ich hier bin. Dann wieder warten, warten, warten. Mir geht es überhaupt nicht gut, aber Gott sei Dank ist meine Frau bei mir.

Tja, da müssen wir sie wohl stationär aufnehmen, ihre Entzündungswerte sind noch höher gestiegen und außerdem ist der HB-Wert ihres Blutes extrem niedrig. Sie haben wahrscheinlich eine Lungenentzündung.

Spätabends lande ich dann endlich auf der inneren Aufnahmestation und werde zu einem alten Mann ins Zimmer geschoben, der mir weit über 80 zu sein scheint. Eine Bluttransfusion wird angehängt und ich bekomme entwässernde Mittel in die Vene gespritzt. Mal wieder am Tropf, weil’s so schön war!

Nach Mitternacht wird der alte Herr neben mir langsam munter und klingelt alle paar Minuten nach der Schwester. Mal muss er Pipi, mal hat er Durst, mal will er sofort nach Hause und meint, dass irgendwelche Blutsverwandte im Gang auf ihn warten. Ob ich ihm nicht helfen könnte sich anzuziehen? Er tut mir leid und ich versuche ihn nach Möglichkeit zu beruhigen, denn er weiß offenbar nicht wo er sich befindet und ist total desorientiert. Mir wird eine Kurzinfusion mit einem Antibiotikum angehängt, welches die Lungenentzündung bekämpfen soll. Licht an, Licht aus. Licht an, Licht aus.

Ich bewundere die Nachtschwester, die nach einiger Zeit sicher ziemlich gestresst ist, aber trotzdem immer wieder zu meinem Zimmernachbarn kommen muss, wenn er klingelt. Sie ist geduldig mit dem alten Mann, der einfach Ängste hat und total überdreht ist. Immer wieder beruhigend auf ihn einreden, ihm das Kopfkissen richten und auf die kleinen Wünsche eingehen.

Im Dunkeln liege ich wach und bitte meinen Nachbarn nicht so häufig zu klingeln, da die Schwester noch viele andere Schwerkranke zu versorgen hat.

Ich versuche ihm die Ängste zu nehmen und erkläre ihm immer wieder, wo er sich befindet, das alles seine Ordnung hat und das er gut aufgehoben ist.

Nach einer Weile fängt er an mich immer wieder um Hilfe zu bitten, weil irgendetwas bei ihm klemmt oder er nach Hause will.

Ich erwidere ihm dass ich leider nicht aufstehen kann, weil ich selber sehr krank bin und an allen möglichen Schläuchen hänge. Nach einer Minute fragt er mich erneut dasselbe und klingelt kurz darauf die Schwester herbei. An Schlaf ist nicht zu denken.

So gegen halb vier hat die Nachtschwester ein Einsehen mit mir und schiebt mich mitsamt Bett in ein anderes Zimmer, wo ich allein bin. Irgendwann bekomme ich dann tatsächlich noch eine Stunde Schlaf nach der anstrengenden Warterei und dem Nervenaufreibendem Zimmergenossen.

So um halb sieben werde ich geweckt und bekomme bald Frühstück. Ich bin wie gerädert. Gott sei dank werde ich dann sehr schnell auf die Herzstation 22 verlegt, wo mich der nette Doktor Bastürk begrüßt. Er versichert mir, dass er nicht mit dem gleichnamigen bekannten Fußballspieler verwandt oder verschwägert sei und hat freundliche helle Augen und lässt auch jegliche türkische Machoallüren vermissen. Vielleicht sollte ich meine antitürkischen Vorurteile doch noch mal überdenken! Ich fühle mich ein wenig ertappt und schuldig. Scheiß Rassismus.

In wenigen Tagen haben sie mich dort wieder ganz ordentlich zusammengeflickt und es geht mir  besser. Ich bekomme wieder gut Luft und die Entzündungswerte gehen zurück. Gott sei dank für Ärzte, Schwestern und Antibiotika. Meine Laune steigt und ich mache ständig Witze mit den Ärzten und Krankenschwestern. Schwester Mandy aus den wilden Ostgebieten der Republik singe ich beim Blutdruckmessen ihr schönes Lied vor: Oh Mandy, oh Mandy oh Mandyhihi!  Ich könnte schwören, dass sie dabei leicht errötet. Jedenfalls droht sie mir sich zu rächen.

Obwohl die Entzündung zurückgeht und die Atmung sich normalisiert komme ich nicht wieder so richtig zu Kräften und komme beim Spazierengehen im Park nur sehr langsam voran. Ein ziemlich herber Rückschlag, nachdem ich dachte dass es nun nur noch bergauf geht. Ich bekomme nun noch ein paar Pfund mehr Tabletten am Tag und bin morgens nach der Einnahme dermaßen erschöpft, dass ich bis zum frühen Nachmittag flach liege. Sobald ich aufstehe kippt mir der Kreislauf weg und mir wird ganz schwummerig vor Augen. Ich muss nun 20 Pillen am Tag schlucken und versuche erfolglos die Ärzte zu überreden, mir weniger zu verordnen. Alle Tabletten sind unerlässlich.

Nach 10 Tagen bin ich wieder zu Hause und fühle mich wie eine lahme Ente. Die Freude hält sich in Grenzen, denn ich bin nach wie vor sehr schnell fix und fertig von der kleinsten Anstrengung und bin froh, wenn ich es einmal mit dem Auto zum Kaufland um die Ecke schaffe um Mittagessen einzukaufen. Danach muss ich mich erstmal ein bis zwei Stunden im Fernsehsessel erholen und die Füße hochlegen.

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Leben auf Sparflamme

So geht das Leben auf Sparflamme weiter. Ich bin froh, wenn ich es ein- oder zweimal die Woche mit dem Auto die paarhundert Meter nach Kaufland um die Ecke schaffe, um Mittagessen einzukaufen und zu kochen. Mehr schaffe ich nicht und bin den Rest des Tages fix und fertig. Eigentlich schaffe ich nur eine Sache am Tag. Das Kochen. Selbst davon bin ich ja schon ohne Ende erschöpft.

An Fahrrad fahren ist kaum zu denken – viel zu anstrengend. Ich hänge zu Hause im Fernsehsessel rum, höre Musik, spiele am PC und surfe im Internet umher. Zwischendurch besuche ich die Ärzte und muss nach zwei Monaten wegen der gleichen Atemnot, hohen Entzündungswerten und Herzinsuffizienz wieder in die MHH. Kein Mensch kann sich diese merkwürdige Entzündung im Brustbereich, die diesmal offiziell keine Lungenentzündung ist richtig erklären.

Kein Mensch teilt mir mit, was eigentlich mit mir los ist. Bei der Chefvisite steht der Professor mit seinen Oberärzten um das Bett herum und unterhält sich in Fachchinesisch mit seinen Kollegen. Aber mit mir als Patient wird nicht geredet. Ich bin wohl eh zu doof, um zu kapieren was mit mir los ist. Merkwürdig nur, dass der Stationsarzt es offenbar auch nicht wirklich weiß, denn er kann es mir ebenso wenig erklären, als er ausnahmsweise mal Zeit für ein Gespräch hat. Aber Antibiotika und Diuretika intravenös helfen mal wieder nach ein paar Tagen. Man muss auch gar nicht so genau wissen wer oder was da in meinem Körper eigentlich entzündet ist und welche Keime das auslösen. Einfach mit heftigem Breitbandantibiotikum draufhalten – wird schon den Richtigen treffen. Und es hilft ja auch, was will ich mehr?

Mittlerweile habe ich mein Beatmungsgerät im Verdacht diese wiederkehrenden (Lungen?) Entzündungen auszulösen, was aber vom Schlaflabor welches mir das Ding verpasst hat, und von allen anderen Beteiligten in Abrede gestellt wird. Ich soll das Ding unbedingt weiter benutzen: „Es ist gut für ihr Herz“!

Die Entzündungswerte sinken, die Atemnot verschwindet und ich bin bald wieder zu hause. Das Leben auf Sparflamme geht weiter wie gehabt.

Zwei Monate später bin ich wieder im Krankenhaus. Mit der gleichen Symptomatik. Immer noch kann mir niemand plausibel erklären, was eigentlich mit mir los ist. Man macht alle möglichen Untersuchungen einschließlich des beliebten Herzkatheters, um zu schauen ob meine Bypässe am Herzen noch in Ordnung sind, findet aber nichts Auffälliges. Weil sich immer wieder Wasser um Herz und Lunge ansammelt, darf ich nur noch wenig trinken und soll mich gefälligst zusammenreißen. So scheißt mich der stellvertretende Chefarzt zusammen und verbietet mir den Mund, als ich nach meiner Diagnose frage. Da ich offenbar zu blöd sei, um das mit der Trinkmenge von 2 Liter am Tag zu begreifen, will er mit meiner Frau darüber sprechen.  Ich bin völlig baff und mir fällt zu dieser Unverschämtheit nichts mehr ein.

Nach einer Woche werde ich mal wieder als geheilt entlassen und es geht mir ja auch wieder besser. Aber ich beschließe nun mein CPAP Atemgerät komplett wegzulassen und zu schauen, ob ich dadurch vor einer erneuten Lungenentzündung bewahrt bleibe. Das ist eine rein intuitive Maßnahme von mir, denn alle behandelnden Ärzte einschließlich der Lungenfachärzte des Schlaflabors der MHH halten es für ausgeschlossen, dass das Beatmungsgerät irgendetwas mit meinen ständigen Entzündungen zu tun hätte.  Schließlich bin ich ja nur ein doofer Patient! Und so etwas hätte es noch nie gegeben.

Und seit dem Absetzen meines Atemgeräts habe ich dann keine undefinierbaren Entzündungen der Lunge oder des Brustkorbs mehr. Und so geht das Jahr 2005 für mich dann relativ gesund zu ende – bis auf die anhaltende körperlich Schwäche.

Einige Jahre später erhalte ich dann ein besseres Beatmungsgerät (APAP) mit einer anderen Technik, welches ich viel besser vertrage.

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2006

Der Winter ist öde und dunkel. Ich stürze in eine gepflegte Winterdepression ab und sehe kein Licht mehr in meinem Leben. Ich habe keine Zukunft, keine Hoffnung und Erwartung mehr. Gott ist mir entfremdet und ich habe keine Aussicht mehr jemals wieder körperliche Kraft zu gewinnen, geschweige denn irgendeinen neuen Job oder Aufgabe zu bekommen.

Bin ich dazu vorherbestimmt, den Rest meines Lebens saft- und kraftlos zu hause dahin zu vegetieren, beschäftigt nur mit Fernseh-Glotzen und Internetsurfen?

Vielleicht wird es ja im neuen Jahr noch einmal besser? Ich entschließe mich an einer Herzsport-Gruppe teilzunehmen, die sich in der MHH trifft und trete dort ein wenig in die Pedalen des Ergometers, mache etwas Gymnastik mit und übe an den Geräten zur Stärkung der Muskelkraft. Nach wenigen Wochen entzündet sich meine linke Schulter und wird schmerzhaft steif, so dass ich keine Gymnastik oder Kraftübungen mehr mitmachen kann. Nur das Standfahrrad bleibt mir noch. Ärgerlich irgendwie dass es sich nicht vorwärts bewegt – genau so wie meine Gesundheit.

Ich benutze nun das Ergometer nur noch zuhause und gehe nicht mehr zu meiner Sportgruppe, denn Ergometer fahren kann ich auch allein zu Haus. Ist doch alles sowieso sinnlos.

Als der Schnee taut und es draußen grün wird, ändert sich auch meine Stimmung. Trotz der unbefriedigenden Gesundheit und anhaltenden Kraftlosigkeit taut meine Seele irgendwie auf – keine Ahnung warum. Die Winterdepression geht vorbei und ich freue mich auf die Fußballweltmeisterschaft im eigenen Lande.

Der Sommer fängt früh an und ist überaus heiter. Ich lasse mich von der überschäumenden Freude des „Sommermärchens“ unserer Nationalmannschaft und der grandiosen Stimmung der Fußballfans anstecken. Ein paar Wochen nicht mehr an meine bescheidene Lage denken und einfach mitfiebern und mitfeiern soweit es eben geht – meistens nur vor dem Fernsehschirm, weil ich für die Fanmeile draußen in der Stadt und das „public viewing“ keine Kraft habe. Aber den Autokorso nach gewonnenem Spiel gegen Argentinien mache ich mit und meine allerbeste Freundin Marina fährt auch mit und hält eine große Deutschlandfahne aus dem Fenster. Vorbei geht es an hupenden Autos und jubelnden Fans am Straßenrand. Die ganze Stadt ist völlig aus dem Häuschen. Es ist ein berauschender Sommer.

Doch das Sommermärchen geht auch irgendwann zu Ende und im Herbst stehe ich dann wieder da – mit beginnenden tiefsten Depressionen. Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle, welche in den nächsten Jahren anhalten wird. Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt!

Meine Erwerbsminderungsrente ist mittlerweile eingereicht und ich warte auf eine Entscheidung. Zuerst wird der Antrag abgelehnt, jedoch nach einem Widerspruch meinerseits und einer sorgfältigen Gesundheitsuntersuchung dann doch teilweise anerkannt. Ich bekomme nun zumindest 50% meiner Frührente, stolze 273 Euro im Monat und entschließe mich auf die volle Rente vor dem Sozialgericht zu klagen, weil es mir völlig unmöglich erscheint 6 Stunden Arbeit am Tag durchzuhalten. Denn die Fähigkeit dazu wird mir amtlich bestätigt, obwohl ich schon total erschöpft bin, wenn ich nur mit dem Auto einkaufen fahre und danach koche. Nach einer solchen Aktivität hänge ich nämlich nach wie vor den Rest des Tages total in den Seilen und bin zu nichts Anderem mehr zu gebrauchen. Jedoch sind die 500 Euro für den Rechtsanwalt rausgeworfenes Geld und ich komme mit meiner Klage nicht durch. Das Urteil steht dann 2008 endgültig fest. Hier ein Auszug aus der Urteilsbegründung:

[…] „Trotz dieser ge­sundheitlichen Beeinträchtigungen ist der Kläger weiterhin in der Lage, einer leichten bis mittelschweren Tätigkeit im Haltungswechsel ohne Witterungsbelastung, ohne Zwangs­haltungen, ohne Tätigkeiten in Nacht- und Wechselschicht, besonderen Zeitdruck oder Stress oder mit erhöhten Anforderungen an die Konzentration in einem zeitlichen Umfang von 6 Stunden und mehr arbeitstäglich nachzugehen. Die Kammer stützt ihre Überzeugung…“ […]

Mal abgesehen davon, dass die tägliche Erfahrung meiner schnellen Erschöpfbarkeit bei kleinsten Belastungen eine völlig andere ist als  in der Urteilsbegründung dargestellt wird, frage ich mich wo es eine solche Arbeitsstelle für einen über Fünfzigjährigen in Deutschland überhaupt geben soll: Mit Klimaanlage wegen der Hitzebelastung im Sommer, nicht nur sitzend oder stehend sondern mit wechselnder Haltung, ohne Zeitdruck oder Stress und keiner Anforderung an die Konzentration. In Wolkenkuckucksheim vielleicht?

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Die große Depression

Depressionen nach großen Herzoperationen sind anscheinend keine Seltenheit und betreffen nach meiner Recherche offenbar sehr viele Patienten. Im Krankenhaus wird munter operiert, aber danach wird der Patient zumeist sich selbst überlassen und hat nach der Anschluss-Rehabilitation keine weiteren Hilfen zu erwarten. Selbst in der Reha-Klinik gab es für mich keinerlei psychologische Fachbetreuung, obwohl die Tatsache von anschließenden Depressionen nach der Herz-Op medizinisch bekannt sein müsste. Deshalb möchte ich hier auch ausführlich über diesen Punkt schreiben.

Ich schreibe kein Tagebuch in dem ich eine genaue Chronologie der Ereignisse darstelle und somit bin ich mir der genauen Abläufe meiner Krankheit nicht immer ganz sicher und es kann sein, dass ich mich manchmal zeitlich oder in der Reihenfolge der Ereignisse irre oder durcheinander komme. Aber meine Erlebnisse oder Erfahrungen sind jedenfalls echt, wahrheitsgemäß und ungefiltert – wiewohl natürlich subjektiv. 2007 habe ich allerdings mit dem Bloggen (Internettagebuch) angefangen und glücklicher Weise haben meine Posts im Blog ein klares Datum, so dass ich ab 2007 einige Dinge genau zeitlich einordnen und nachlesen kann.

Irgendwann nach dem Ende des „Sommermärchens“ ringe ich mich durch eine Liste mit Psychotherapeuten durch zu telefonieren um eine Psychotherapie zu beginnen, denn ich bin mit meinem Latein am Ende. Von Gott oder der Kirche erwarte ich schon lange keine Hilfe mehr. Jedenfalls keine Hilfe, die mich in irgendeiner Weise heilen könnte. Ich bin allerdings sehr dankbar für meine christlichen Freunde in unserer kleinen Hauskirche, die mich zumindest mit ihrer Freundschaft durchtragen und das Gefühl geben nicht ganz allein mit meinen Problemen zu sein. Immer wenn wir uns treffen vergesse ich zumindest für einige Stunden meinen erbärmlichen Gesundheitszustand und die trübsinnigen Gedanken. Meistens. Aber „gesundbeten“ können sie mich auch nicht. (Welch mehrdeutige Aussage)

Von den angerufenen Therapeuten bekomme ich 3 Absagen und bei Einem spreche ich auf Band. Ehrlich gesagt erwarte ich gar keine Antwort oder Rückruf, weil Psychotherapeuten offenbar hoffnungslos überlaufen sind. Ich habe auch keine Kraft, die schier endlose Liste noch weiter durch zu telefonieren, gebe schon wieder auf und ergebe mich in mein hoffnungsloses depressives Schicksal.

Irgendwann nach Wochen kommt ein Anruf. Anhand der Tonlage meine ich einen Pastoren oder Seelsorger an der Strippe zu haben und wundere mich ziemlich als sich die pastorale Stimme als der Psychotherapeut entpuppt, bei dem ich auf Band gesprochen hatte.  Hihi – tatsächlich ein Seelsorger im wahrsten Sinne des Wortes, denke ich mir, du lagst gar nicht so weit daneben!

Wir vereinbaren ein Erstgespräch und ich sitze mit mulmigem Gefühl im Wartezimmer und studiere die Diplome in klinischer Hypnose und Reiki-Kursen an der Wand. Meine anfängliche Hoffnung sinkt schon wieder. Von Suggestion, Gehirnwäsche oder Esoterik halte ich nun überhaupt nichts!

Der Behandlungsraum ist sehr gemütlich mit bequemen Ledersesseln und Sofas, Pflanzen und antiken Möbeln ausgestattet.

Missbilligend nehme ich einige kleine Buddha-Statuen im Fenster und auf den Möbeln wahr. Wenn der mir mit Reiki-Techniken oder anderem esoterischen Quatsch kommt sieht er mich jedenfalls nicht wieder, was ich ihm beim Gespräch auch unmissverständlich klarmache. Auch von Hypnose, Suggestion oder anderweitigen manipulativen Eingriffen in meine Psyche halte ich nichts. Aber Hans-Peter erweist sich sehr schnell als angenehmer Gesprächspartner und seriöser Therapeut. Er zerstreut meine Befürchtungen und ich gewinne sehr schnell Vertrauen in ihn. So vereinbaren wir eine Gesprächstherapie mit regelmäßigen Terminen.

Die Gespräche mit Hans-Peter tun mir gut und ich gehe fast immer danach ermutigt nach Hause. Irgendwie gelingt es ihm mich im Lauf der Zeit an meine noch verbliebenen Ressourcen zu erinnern. Zum Beispiel das Schreiben. Es tut mir gut meine Krankheitsgeschichte unter dem Titel „Herzkasper“ aufzuschreiben. Während des Schreibens scheine ich so manche schwere und unerträgliche Situation im Krankenhaus noch einmal zu durchleben und das Erlebte kommt mir seelisch ganz nah. Aber dadurch scheine ich auch manche Situation irgendwie besser zu verarbeiten und vielleicht hilft meine Geschichte ja irgendjemand auf irgendeine Weise weiter? Auch dafür lohnt es sich das alles niederzuschreiben, denke ich. Jedenfalls zeigt mir der Besucherzähler auf der Webseite einiges Interesse an. Ab und zu erhalte ich sogar eine Email mit Fragen zum Thema Herzbypass-Op oder gar einen Dank. Und auch das Bloggen macht mir Spaß. Besonders wenn es interessante Kommentare zu meinen Posts gibt und sich Diskussionen mit Lesern ergeben.

Trotz der Psychotherapie und meinen Stabilisierungsfaktoren Familie und engen Freunden in der Hauskirche sind die Jahre nach meiner Herz-Op gekennzeichnet von monatelangen Phasen schwärzester Depression und absoluter Hoffnungslosigkeit, die von kurzen Phasen fast manisch übertriebener Lebensfreude abgelöst werden. Wahrscheinlich genieße ich die Phasen der Abwesenheit der quälenden, dunklen Depressionsgedanken in den manischen Phasen so sehr, dass ich dann schon übertrieben lustig, fröhlich und manchmal albern werde. Oft meine ich in solchen manischen Phasen nun endlich endgültig von der Depression geheilt zu sein. Je mehr ich mich allerdings auf diese „endgültige Heilung“ verlasse, desto schlimmer ist dann der erneute Absturz in die grauenvolle Schlangengrube der Depression.

Hier einige Blogeinträge in lyrischer Form aus dieser Zeit:

Abmeldung

Habe lange nix geschrieben
bin im Urlaub auf der Insel Depressiva
die Nächte dort sind lang und dunkel
auch am Tag wird es nur langsam hell
bin irgendwie versunken
auftauchen geht auch nicht so schnell
hab heut‘ Nacht mit Gott geredet
das war wunderschön
sein Licht hat schon fast geblendet
als ich glaubte, dass er mir sagen wollte:
nimm Lebertran, mein Sohn!

30.05.2007

 

Insel Musica

Neulich ging überraschender Weise ein Schiff von der Insel Depressiva nach Musica.

Ich ergriff die Gelegenheit, dort meinen Urlaub fortzusetzen…

Die Insel Musica ist viel schöner als Depressiva.

Die Tage sind hell und freundlich und die Nächte nicht so lang.

Es gibt viel Leckeres und Leichtes zu essen. Mediterran eben.

Der Wein ist rot, schwer und rinnt feurig die durstige Kehle hinab.

Der Rausch aber ist leicht, beschwingt und angenehm.

Es gibt keinen Kater am nächsten Tag.

Im Gegenteil – man wacht frisch und munter auf und hat den Kopf voller neuer Ideen.

Alte Gitarren restaurieren, die Stereoanlage aufpeppen und ständig neue Melodien verspeisen.

Ach, das Leben ist wieder eine Lust!

Hier lässt es sich leben, hier könnte ich bleiben…

und der Tag der Abreise liegt noch in weiter Ferne.

08.06.2007

Absturz von der Lobpreisleiter

Neulich Nacht hat man mich abgeholt während ich schlief.

Irgendjemand ist der Meinung, dass ich besser zur Insel Depressiva passe, als zur Insel Musica.

Als ich die Augen aufschlug, war alles wie immer. Sonnenschein im Garten, die Vögel zwitscherten,

aber irgendetwas stimmte nicht an dem Bild. Etwas war falsch daran.
Ich schüttelte den Gedanken ab und machte „Business as usual“
Aber alles lief nicht mehr so richtig rund.
Dann bemerkte ich, dass mein Garten aus Wänden von Pappe mit aufgedruckten Fotos von Bäumen und Büschen bestand.
Die Vogelstimmen kamen von einem Endlos-Tonband.
Man hatte mich hereingelegt. Ich war wieder auf „Depressiva“

Vergessen – die lauen Sommernächte auf „Musica“
Vergessen – der feurige Wein.
„Jetzt geht’s wieder anders rum“, grölte der Einpeitscher von fern, jetzt wird das Leben wieder grau gemacht,

so wie es sich um diese Jahreszeit gehört!
Sein hysterisches Lachen verhallte in der Ferne und ich stand da. Allein.

„Listen to this, and I’ll tell you ‚bout the heartache.
I’ll tell you ‚bout the heartache and the loss of God.

I’ll tell you ‚bout the hopeless night The meager food for souls forgot,
I’ll tell you ‚bout the maiden with wrought iron soul“

(Jim Morrison, The Wasp, L.A.Woman)

16.07.07

 Depressivas Schönheit

Die Insel Depressiva ist ein großes Mysterium.

Gestern fuhr ich in meinem Auto über Land. Das Wetter war ungemütlich, dunkel und miesepetrig.
Nieselregen und vermatschte Strassen, alles düster und traurig.
In einem schönen großen Fachwerkhaus auf dem Lande kehrte ich ein.
Ein freundlicher weiser Mann redete mit mir, während ich es mir auf einem bequemen Sofa gemütlich machte.
Es war ein großer Raum mit dicken Holzbalken direkt unter dem Dach.
Ich erzählte ihm von meiner heimlichen Verschleppung nach Depressiva.
Da flüsterte er mir einen geheimen Trick ins Ohr, wie ich mein Los erträglicher machen könne.
Mir wurde ganz warm ums Herz und ich schöpfte neue Hoffnung.

Der Trick war ganz einfach: Zu Gott gehen und mir neue Kraft von ihm holen.

Mich selbst akzeptieren und mich nicht selbst wegen meiner Kraftlosigkeit beschimpfen!

Dankbar fuhr ich nach Hause.
Die ganze Inselwelt hatte sich plötzlich verwandelt.

Ich nahm die verschiedenen Schattierungen des „Grau in Grau“ ganz intensiv wahr.

Wunderschöne Bäume ohne Blätter standen am Wegesrand,

die Äste wunderlich verschlungen und verknotet.
Ich glitt still durch die Landschaft, die ein großer Künstler wundersam verzaubert hatte.
Es wurde immer dunkler, aber das gelbe Licht der Autos malte verschiedene dunkle Farben an die Wände der alten Häuser

und auf die Büsche und Bäume der Strasse.
Durch die diesige Luft bemerkte ich riesige Windräder, die sich langsam drehten – still und stumm.
Man hörte nur das Geräusch der nassen Reifen auf der Strasse.
Die Bauernhäuser schliefen so tief und friedlich ihren Schlaf des Vergessens.

Kein Leben rührte sich hinter ihren Mauern.

Gott ist ein großer Künstler.

Wenn er das Land in Abenddämmerung taucht, wird Alles still.

Nur die Schatten werden lebendig und fangen an ihre Geschichten zu erzählen.
Das Leid war vollkommen vergessen. Eine Ahnung von neuem Licht durchzog mich sanft.

Gott ist ein großer Künstler.

18.11.2007

 

Psalm eines Depressiven

Ich bin wütend!
Wütend auf mich und wütend auf Gott.
Wütend auf mich, weil ich mich nicht ändern kann.
Wütend auf Gott, weil er mich nicht heilt und ich weiter an mir leiden muss.

Wozu dieses sinnlose Leid?

Wozu die ständige Hoffnung auf ein Morgen, wenn sich doch nichts ändert?
Ich wünschte ich könnte schlafen – ewig schlafen – doch ich muss noch Meilen geh’n, bevor ich ruhen kann.
Gibt es ein Himmelreich? Dann komme bald, Herr Jesus.

Warum diese ständige Verzweiflung? Immer wiederkehrende Belanglosigkeiten.
Gibt es eine zukünftige Hölle, oder bin ich da schon längst?

Ich bin wie Sisyphus, der den Stein immerfort bergauf rollt, aber nie die Spitze des Berges erreicht.

Und immer wieder entgleitet er und rollt bergab.
Ich kann nicht mehr und mag nicht mehr.
Macht mir keine neue Hoffnung, die doch nur wieder enttäuscht wird.

Die schlimmste Hölle wäre, wenn es zu den Höllenstrafen gehörte, an einen Erlöser zu glauben,

der mich aus der Hölle rettet, um mich dann in das ewige Feuer zurückzuwerfen.
Immer und immer wieder.
Hoffnung auf Erlösung – die dann enttäuscht wird zu ständig tiefer gehender Pein im Sumpf des Verderbens.

Das kann kein Gott der Liebe sein, der sich so etwas ersann!
Nein so etwas gibt es nicht.
Das ewig Böse ist undenkbar und unvorstellbar.
Kein Gott der Liebe würde so etwas zulassen. – Wo ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht erlischt.

29.05.09

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Happy oder unhappy End?

 Jeder wartet in einem Hollywood-Film auf ein „Happy End“. Nur ist das Leben kein Hollywood-Film.

Als Ursachen meiner jahrelangen heftigen und immer wiederkehrenden Depressionen habe ich mehrere Gründe ausgemacht:

  1. Ich habe nach der Operation meine vorherige körperliche Kraft und Leistungsfähigkeit nicht wieder zurück erhalten. Das hat mich sehr enttäuscht, weil ich erwartete dass das Herz durch die neuen angeflickten Blutgefäße wieder neuen Sauerstoff bekommt und viel besser durchblutet wird. Ich nahm an, dass es mir nach der Op viel besser gehen würde als vorher, was sich leider als ein Irrtum herausstellte.
  2. Damit einhergehend war der Frust nicht mehr arbeitsfähig zu werden und im besten Alter von 52 Jahren auf dem Abstellgleis der Frühverrentung zu landen. Kein Geld mehr selbst verdienen und damit völlig abhängig von meiner Frau und der Gnade der Rentenversicherung zu sein.

Durch einen Job verdient man auch nicht nur eigenes Geld sondern auch Selbstwertgefühl! Man wird von Kollegen oder Kunden geschätzt und bekommt Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Nun als Arbeitsloser fühle ich mich einfach nicht mehr wirklich gebraucht und verliere in meinen eigenen Augen völlig an Wert. Ich kann mir noch so oft selber sagen, dass der Wert eines Menschen sich nicht allein an seiner Arbeitskraft bemisst und anderen gestehe ich diesen natürlichen Wert und die vefassungsgemäße Würde des Menschen auch als Hartz 4 Empfänger oder anderweitig „nutzloser“ Mensch zu. Aber für mich selbst kann ich diesen Wert offenbar nur sehr schwer erkennen, selbst wenn meine Frau und meine Kinder mir sagen, dass sie mich noch brauchen würden und dass ich auch wichtig für meine vorhandenen und zukünftigen Enkel wäre.

Ich fühle mich wie Alteisen welches so langsam dahinrostet und nur noch auf den Tod wartet. Auf dem Schrottplatz des Lebens sozusagen.

  1. Das Gefühl des Verlustes der Beziehung zu Gott.

Schon vor meiner Herzkrankheit fühlte ich mich von Gott vergessen und verlassen. Und zwar jahrelang.

Als aufmerksamer Bibelleser ist mir natürlich nicht entgangen, dass es angefangen von Freund Hiob über den Propheten Elia und König David bis hin zu Prophet Jeremia schon vielen Leuten Gottes ähnlich ergangen ist.

Selbst Jesus rief am Kreuz die bekannten Worte aus: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“

Den Verlust Gottes kann nur jemand nachempfinden, der ihm einmal sehr nahe war. Und das war ich viele Jahre meines Lebens. Gott war mein Ein und Alles! Ich liebte es für ihn Musik zu machen. Und das nicht nur auf der Gemeindebühne sondern ganz allein und privat für mich. In diesen besonderen Zeiten der Anbetung mit christlichen Liedern und der Gitarre fühlte ich mich dem Herzen Gottes so greifbar nah. Die spürbare Gegenwart Gottes war meine ganze Freude und mein Lebensziel. In seiner Gegenwart wollte ich mein ganzes Leben verbringen und so viele Menschen wie möglich auch dort mit hineinziehen: Unter den Schirm des Höchsten. Ich wollte ihm mit ganzem Herzen dienen und nur für ihn und sein Königreich da sein. Als ich aber mein Lebensziel erreicht hatte, meinen weltlichen Beruf verlassen und an einer Bibelschule angestellt war um eben dieses zu tun: Gott mit Liedern anbeten und sein Wort lehren, erlebte ich einen Absturz sondergleichen! Nach einiger Zeit wurde mir der ganze christliche „Dienst“ zu viel und ich brannte innerhalb kurzer Zeit seelisch völlig aus. Die Lieder, die ich den ganzen Tag sang, hingen mir nach 3 Jahren zum Halse und den Ohren raus. Ich verlor alle meine Kraft und wurde schließlich entlassen.

Das empfand ich damals wie einen Arschtritt Gottes höchstpersönlich von dem ich mich nie mehr erholte.

Damals fingen mein Depressionsprobleme an. Auch in Ehe und Familie fing es an gewaltig zu kriseln, was meine ganze Aufmerksamkeit und Energie erforderte. Das Wort Gottes erreichte mich einfach nicht mehr und ich hörte auf zu beten und in der Bibel zu lesen, weil es für mich einfach nur noch eine lästige und schwere Pflichterfüllung war. Irgendwann stand ich auch in der Gemeinde nicht mehr auf der Bühne um den Lobpreis im Gottesdienst zu leiten, weil ich einfach nur noch niedergedrückt war und es mir heuchlerisch vorkam auf der Bühne den fröhlichen Lobpreisleiter zu geben, als den mich doch alle kannten, wenn ich doch innerlich so leer war.

Ich ließ die Gitarre in der Ecke verstauben und rührte sie viele Jahre lang nicht mehr an. Auch nicht privat. Ich KONNTE einfach diese Lieder nicht mehr spielen, die mir  lange Jahre so viel bedeutet hatten. Meine Herzkrankheit mitsamt der Operation und den daraus folgenden Schwierigkeiten waren dann sozusagen die Krönung meines persönlichen Zerbruchs und resultierten in dem Gefühl nun endlich völlig von Gott verworfen und verlassen worden zu sein.

Als aufmerksamer Bibelleser ist mir allerdings auch nicht entgangen, dass Gottes Barmherzigkeit und Treue kein Ende haben und er eine scheinbar unterbrochene Beziehung immer wieder neu anfängt und weiterführt auch wenn den Menschen alles hoffnungslos erscheint. Das sieht man sowohl bei Hiob wie auch bei vielen anderen Gestalten der Bibel und es würde den Rahmen meiner Geschichte vom Herzkasper sprengen darüber noch viel zu schreiben.

Im Moment bin ich voller Hoffnung, was meine Beziehung zu Gott angeht und  habe den Eindruck dass er gerade dabei ist ein ganz neues Kapitel in der Geschichte meines Lebens zu schreiben.

– ENDE –

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Worterklärungen 

  Hauskirche?

Hauskirche ist eine Gruppe von Christen, die sich unabhängig von einer Konfession, Kirche oder Gemeinde einfach im Wohnzimmer trifft um gemeinsam zu essen, zu beten, zu singen oder zusammen Bibel zu lesen.

Zumeist kommt sie völlig ohne eine Hierarchie oder ein Programm aus und wird durch die Bedürfnisse und Interessen der jeweiligen Teilnehmer bestimmt.

Lobpreisleiter?

Lobpreisleiter ist die Bezeichnung eines Kantors in vielen freikirchlichen Gemeinden und Gemeinschaften. Er leitet den Gesang oder die Band in einem Gottesdienst. Normalerweise sitzt er nicht an einer Kirchenorgel sondern spielt sehr häufig Gitarre oder manchmal Keyboard. Manchmal sind es auch nur Sänger die von anderen Musikern unterstützt werden.

Die Lieder sind meistens eine Art moderner Gospel und haben nicht viel mit alten Kirchenliedern zu tun.

Manchmal werden aber auch alte Kirchenlieder in eine zeitgenössische Form gebracht und mit neuen Melodien versehen oder moderne Rocksongs mit einem neuen Text versehen.

Bibelschule?

Einrichtungen von unabhängigen Freikirchen in denen zumeist keine staatlich anerkannten Diplome erworben werden können.

Die Theologie richtet sich nach der jeweiligen Bewegung, aus der sie entstanden sind. Es gibt eine große Bandbreite von Bibelschulen von evangelikal über pfingstlich bis freicharismatisch geprägter Struktur.

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