>Tessa †

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Zytanien Hauptbühne   Foto: Ruben Förthmann

Ich traf Tessa nur zwei mal im Leben. Und doch hat sie sich in mein Herz eingebrannt. Das erste mal war 2003 oder 04  als ich die freie Republik Zytanien kennenlernte. Dort leben ein paar Hippies, Punks und Ausgeflippte in einer alten Ziegelei. Und die veranstalten jedes Jahr ein Kultfestival mit ca 2000 Besuchern.
Ich hatte meine Töchter und ihren Punkerfreund Hoschi im Auto und war schon sehr gespannt auf die Bands und das Festival-Feeling.
Am Eingang des Geländes trafen wir Tessa und meine Tochter stellte mich als Vater vor. Meike kannte Tessa von der Punker-Szene, aber sie sah überhaupt nicht punkig aus. Sie war noch recht jung und wirkte sehr nett und aufgeschlossen auf mich und ich war froh von ihr nicht als der bürgerliche Spießer sondern als Mensch wahrgenommen zu werden.

Auf dem Weg zum Gelände sah ich eine kleine Gruppe langhaariger Männer an einem kleinen Fläschchen riechen. Sie schienen sich prächtig darüber zu amüsieren und ich fragte mich, ob es eine Art Parfüm sei. Oder vielleicht eine übelriechende Substanz? Jedenfalls war ich neugierig und fragte mal eben: „Hallo Jungs, was habt ihr denn da für’n komisches Zeugs? Kann ich auch mal dran riechen?“ Sofort spurtete Tessa zu mir hin, schaute mir ernst in die Augen und meinte: „Ich weiß ja nicht mit was für Drogen sie schon Erfahrung gesammelt haben, aber ob das etwas für sie ist?“ Etwas irritiert und perplex erzählte ich von meiner wilden Jugendzeit in der ich so Einiges konsumiert hatte. Ich wusste natürlich überhaupt nichts über diese neuartigen Dinge wie „Liquid Exstasy“ bemerkte aber daß die Jungs immer abgedrehter wurden, je mehr sie an dem Fläschschen rochen. „Nee danke, dann wohl doch lieber nicht“, sagte ich und war Tessa überaus dankbar, daß sie mich vor einem übelen Trip gerettet hatte, der mich möglicherweise teuer zu stehen gekommen wäre. Ich wusste damals noch nicht, daß ich schwer herzkrank war.

Das Festival war sehr bunt und fröhlich und ich traf sogar einen alten Bekannten und lernte einige Freunde meiner Kinder kennen.

Ein paar Jahre später besuchte ich meine Tochter mal in der Punkerszene auf dem Bahnhofsplatz, weil ich Langeweile hatte. Dort traf ich auch Tessa und ihren langhaarigen Freund wieder. Ich erkannte ihn sofort als einen der Typen wieder die in Zytanien an dem Fläschchen gerochen hatten. Tessa hatte einen kleinen angriffslustigen Mischlingshund dabei und ich setzte mich zu ihnen auf den Boden und trank ein Bier mit den Leuten. Wir hatten eine sehr nette Unterhaltung und ich dankte Tessa noch einmal dafür, daß sie mich damals vor dem Drogentrip gerettet hatte. Einige kaputte Typen gesellten sich zu uns und ich lernte auch noch den Klingeldirk kennen, Der hatte auf die Lederjacke eine kleine Klingelleiste mit seinem Namen getackert, welche auch tatsächlich wie ne Wohnungstür klingelte. Ich durfte auch mal klingeln, ging aber vorsichtshalber dabei in Deckung, weil ich dachte wenn ich auf den Knopf drücke spritzt mir Wasser aus einer versteckten Vorrichtung entgegen. Hat aber tatsächlich nur geklingelt.
Als ich wieder daheim war hab ich für die ganzen Leute gebetet – besonders Tessa lag mir am Herzen. Ich erkundigte mich in den Jahren immer mal wieder nach ihr und ließ sie grüßen. Und sie grüßte zurück. Ich hörte, daß sie und ihr Freund erhebliche Drogenprobleme hatten und war froh als ich hörte daß sie eine Zeit lang völlig clean war.
2010 ist sie dann plötzlich gestorben. Offenbar an ihrem Drogenkosum. Ich würde Tessa gern im Himmel mal wieder treffen, denn ich hatte sie gern.

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