Käßmanns Promille

Hämische männliche Gemüter werden jetzt sagen: „Frau am Steuer, das wird teuer“! Und sie haben natürlich recht. Wie viele gedankenlose Nachahmerinnen wird dieser Mensch in seiner „Vorbildfunktion“ nun wohl haben? Wie viele Frauen werden sich jetzt als Folge volltrunken ans Steuer setzen und rote Ampeln überfahren?

Aber so bin ich nicht. Ich vergebe ihr, weil ich mich sofort an meine eigenen Promille-Fahrten erinnert fühlte. Na gut, ich kann mir keinen Chauffeur leisten und Taxi ist mir zu teuer. Aber solch ein Verhalten ist unverantwortlich – keine Frage. Wenn ich allerdings in geselliger Runde mit Freunden das Eine oder mehrere Gläser köstlichen Weines genieße schwinden bei mir schnell sowohl Vernunft als auch Bedenken und machen dem einen stumpfsinnigen Gedanken Platz: Es wird schon alles gut gehen! Ich bin doch noch völlig Herr meiner Sinne und vollkommen fahrtüchtig. Da ich also im Glashaus sitze werde ich mich schwer hüten nun mit Steinen zu werfen. Gott sei dank schaffte ich im letzten Jahr die Wende von meinem allabendlichen Alkoholkonsum – aus gesundheitlichen Gründen. Es lebt sich viel besser ohne Alk: Man schläft besser, ist nicht so depressiv und ein wenig stolz auf sich, daß man diesen heldenhaften Verzicht auf die Reihe kriegt.

In den Ruf: „Kreuzigt sie!“ werde ich jedenfalls nicht mit einstimmen und hoffe , daß sie aus ihrem Fehler lernt.

Und die Republik hat mal wieder Grund zur Schadenfreude und fühlt sich innerlich besser, weil auch eine moralische Instanz wie die Oberhirtin der evangelischen Kirche als ganz kleiner ganz normaler Sünder enttarnt wurde.Da schwillt einem doch die Brust, wenn man als Atheist oder tiefgläubiger Christ auf diese kleine Frau im Bewusstsein der eigenen moralischen Überlegenheit herabsehen kann.

Wir sollten Frau Käßmann für dieses durch sie vermittelte Gefühl der eigenen Größe dankbar sein! 🙂

Foto: Kalip78 (Wikipedia.de)

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7 Antworten

  1. […] nicht mehr zu diesem Fehler drängt. netplosiv [↩]Pressemittelungen-online.de [↩]Cross Over [↩]4Für eine bessere Welt [↩]FTD.de [↩]Wer hat noch nie gehört “Ein Glas […]

  2. Ein wunderbarer Kommentar, der mir aus meiner „Sünderseele“ spricht!

  3. Ich hätte ihr rein rational, eigentlich mehr zugetraut, als sich mit 51 Jahren und 10 Jahre Amt als Bischöfin betrunken hinters Steuer zu setzen…
    Gut, niemand kennt die Hintergründe – aber irgendwie verstehe ich sie da nicht.
    Ich bin traurig über ihren Rücktritt und eigentlich tut sie mir nur leid..
    Hätte es denn keine andere Konsequenz gegeben, die sie hätte ziehen können, als den Rücktritt aus ihren Ämtern?

    Traurige Angelegenheit….

    • Ich bin auch traurig über den Rücktritt und hätte mir gewünscht, daß sie zumindest Landesbischöfin bleibt. Aber offenbar hat ihr eigenes Gewissen das nicht zugelassen und sie hat sich selber degradiert.
      Ich finde diesen Schritt allerdings sehr mutig – sie will ja wieder als normale Pfarrerin arbeiten. Dazu gehört schon Demut, finde ich.
      Auch in ihrem Rücktritt beweist sie noch Stil und Vorbildcharakter für so manchen Politiker oder Promi.
      Ich denke sie wollte einfach Schaden von der Kirche und ihrem Amt abwenden. Und das findet meinen ungeteilten Respekt!
      Und gerade diese jugendliche Unbekümmertheit, welche sich auch in ihrem fatalen Fehler ausdrückt machte sie mir so sympathisch. Schade.

      • Du sprichst mir aus dem Herzen…
        Gerade das macht mich so traurig.
        Dass da ein Mensch mit echtem Charakter und Verantwortungsbewusstsein kombiniert mit aufrichtigem Glauben aus dem Amt austritt.
        Gleichzeitig sind diese Eigenschaften ja genau der Anlass für ihren Rücktritt…
        Ich frage mich aber, ob sie nicht zu streng mit sich ist, und ob es nicht noch eine andere Möglichkeit gegeben hätte, eine Konsequenz zu ziehen.
        Ach seufz…

  4. Ich lese in letzter Zeit immer wieder in verschiedenen Blöggen von dieser Käßmann, und habe noch nie von ihr gehört. Sie ist mir völlig fremd. Nun ja ich bin auch nicht so der Fan von Kirchen und Bischöfen und was es da noch alles gibt.

    Verurteilen würde ich sie aber auch nicht, bei rot über die Ampel ist nicht so schlimm, wie der ganze Kindermissbrauch. Ich geh oft bei rot über die Ampel, zwar nicht betrunken (trinke gar kein Alkohol, hab bis vor ein paar Monaten noch gelegentlich, so wie andere ihr Bier trinken einen gekifft, aber das hat auch aufgehört als ich aufgehört hab zu rauchen) aber na ja, wenn kein Auto kommt weit und breit bleib ich auch nicht stehn und warte.

    Mir kam beim lesen ein ganz anderer Eindruck, vielleicht hat sie das alles geplant, damit sie einen Grund hat sich aus ihrer Stellung zu befreien. Vielleicht hat Gott ihr gezeigt, dass sie in der Bischöfinen Stellung mehr dem Staat dient, als Gott und sie wußte nur nicht wie sie da wieder raus kommt.

  5. Hi Liane,

    das ist sehr unwahrscheinlich, weil sie noch vor wenigen Monaten gewählt wurde. Dann hätte sie sich ja nicht zur Wahl zur Verfügung gestellt.
    Außerdem hätte sie dann sicherlich nicht so eine für sie verheerende Maßnahme ergriffen, den Weg zu wählen, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen.
    Wie soll man sowas auch planen?!
    Sie hat auch keinen an der Klatsche, so ne Aktion zu machen; sie war 10 Jahre lang Bischöfin und steht für Werte ein.
    LG
    Stella

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