Griechisches oder hebräisches Denken?

Haso mit “H” wie “Hebräisch” (von Harald Sommerfeld aus dem Blog „Hasos Tafel“)

Gelegentlich fühle ich mich von einigen Lesern missverstanden. Ich weiß, dass sie es nicht persönlich meinen, und ich nehme es auch nicht persönlich. Trotzdem möchte ich daran etwas ändern.

Die Missverständnisse, die ich meine, haben wohl etwas mit dem Unterschied zwischen “griechischem” und “hebräischem” Denken zu tun, über den auch Storch sich derzeit auslässt [1 2 3]. Er weist darauf hin, dass die “Griechen” ihre Einsichten gern abstrakt vermitteln, die “Hebräer” hingegen anschaulich. Das ist jedoch nicht der einzige Unterschied zwischen beiden Denkarten.

Wenn ein “Grieche” eine Aussage macht, will er eine Tatsache beschreiben. Wenn er einen Befehl gibt, meint er, was er sagt, und erwartet, dass man tut, was er sagt. “Hebräische” Meschalim – Sprüche im weitesten Sinn – sind jedoch oft Aussagen, die widersprüchlich, oder Befehle, die unausführbar sind. Trotzdem enthalten sie mehr “Wahrheit” als mancher korrekte “griechische” Satz.

Nach dieser abstrakten Einführung ein Beispiel. Wenn Paulus an mehrere Gemeinden schreibt: “Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss” (Römer 16,16; 1.Korinther 16,20; 1.Thessalonicher 5,26), meint er, seine Leser sollten sich untereinander buchstäblich so grüßen wie weiland Breschnew und Honecker – nur eben heilig, was immer das bedeutet.

Jeder, der einen Mund hat und weiß, wie man küsst, kann diese “griechische” Anweisung ausführen. (Ob damit für alle Zeiten und alle Kulturen eine “biblische” Regel aufgestellt ist, überlasse ich der Hermeneutik meiner Leser. Bei unserer jüngsten Manchester-Reise erfuhren wir jedenfalls, dass es dort “kissing churches”, “hugging churches” und “nonkissing, nonhugging churches” gibt.)

Nicht so einfach ist es mit einer Aufforderung, die Jesus macht: “Wenn dich dein rechtes Auge ärgert [zum Abfall verführt], reiße es aus” (Matthäus 5,29). Buchstäblich – also “griechisch” – verstanden, ist dieses Gebot Nonsense. Beim Sehen sind normalerweise beide Augen beteiligt. Sich eines von ihnen zu entledigen, würde kein Problem visueller Versuchung lösen, zumal nach Jesu eigenen Worten alle bösen, verunreinigenden Gedanken nicht von außen in den Menschen eindringen, sondern aus seinem Herzen aufsteigen (Matthäus 15,19).

Doch obwohl die Anweisung Jesu un-sinnig ist, enthält sie einen viel tieferen Sinn als die des Paulus. Der Apostel will die Gemeinde lediglich veranlassen, ihre gegenseitige Beziehung auf herzliche Weise zum Ausdruck zu bringen. Jesus stellt uns mit seinem Wort die viel radikalere Frage: Ist die Beziehung zu Gott (und zu Menschen) uns so viel wert, dass wir alles in Kauf und auf uns zu nehmen bereit sind, um diese Beziehung nicht scheitern zu lassen.

Kommt das Handeln vor dem Denken?

Einer meiner Lieblingssätze – und einer der umstrittensten Sätze – auf meiner Tafel lautete: “Vor dem Denken kommt das Handeln.” Umstritten war er vor allem deshalb, weil ein von mir “hebräisch” gemeinter Satz “griechisch” verstanden wurde. Wenn dieser Satz einen grundsätzlichen Sachverhalt beschreiben sollte, wäre er dumm und falsch. Milliarden Menschen kommen auf eine Idee, denken mehr oder weniger gründlich darüber nach, und führen sie anschließend aus. Ständig werden wir durch Gehörtes oder Gelesenes zum Handeln bewegt. Natürlich kommt das Denken oft vor dem Handeln.

Trotzdem behaupte ich, dass dieser Satz einer der wichtigsten ist, die ich je auf meinem Blog geschrieben habe. Er stimmt nicht, aber er beinhaltet mehr “Wahrheit” als viele stimmende Sätze. Er ist ein “hebräisches” Maschal, mit dem ich in der Form einer Behauptung eine Frage stelle: “Wie kommen wir heraus aus unserer Theoriebefangenheit, mit der wir Dutzende von Blogs abonnieren, Hunderte von Predigten hören und Tausende von Seiten lesen, ohne dass unser Leben auch nur annähernd die Radikalität, Leidenschaft und Kraft dessen hat, dem nachzufolgen wir bekennen? Wir können wir den Kreislauf durchbrechen, dass nach dem Denken nicht das Handeln, sondern neues Denken kommt?” Dazu hilft uns die unreife Tat oft mehr als der reifende Gedanke. Vor dem Denken kommt eben das Handeln.

So werde ich mich sicher auch in Zukunft äußern. Wir brauchen die “griechisch” falschen, aber “hebräisch” wahren Sätze, die einen Pfeil mit Widerhaken in unser “griechisches” Gemüt schießen, dem das Nachdenken und Diskutieren über das Leben zum Ersatz für das Leben geworden ist.

Markion

Aber ich will es nicht bei dieser Vergangenheitsbewältigung belassen, sondern ein neues Maschal hinzufügen. Um es verständlich zu machen, muss ich einige Informationen über Markion vorausschicken. Dieser Mann, der im zweiten Jahrhundert lebte, entwickelte eine Theologie, durch die er in Widerspruch zur restlichen Kirche kam. 144 nach Christus kam es zum Bruch. Markionitische Gemeinden waren in manchen Gegenden zahlenmäßig stärker als die “katholischen” Gemeinden und existierten noch bis zum 6. Jahrhundert. Schließlich wurden sie gewaltsam unterdrückt.

Markion sah einen so großen Unterschied zwischen dem Gott des Alten Testaments, der ein Gott des Gesetzes war, und dem Gott der Gnade, der durch Jesus verkündigt wurde, dass er beide als zwei verschiedene Götter ansah. Den Demiurgen – den niederen Gott des AT – lehnte er ab, und mit ihm alle alttestamentlichen Schriften. Er erkannte nur die Paulusbriefe und ein von alttestamentlichen Inhalten “gereinigtes” Lukasevangelium als christliche Schriften an.

Markion geriet also in Widerspruch zum Monotheismus, der Lehre von dem einen Gott. Außerdem verwarf er den jüdischen Teil der Bibel und die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens. Schließlich sah er in Jesus nicht den leidenden Messias, der uns durch sein Leiden erlöst hat, sondern hing angeblich dem Doketismus an, nach dem Jesus nur scheinbar einen menschlichen Leib hatte, in dem er litt.

Sollte diese Darstellung seiner Lehre (die wir aus den Schriften seiner Gegner kennen) zutreffend sein, wäre seine Verurteilung als Ketzer zwangsläufig. Dieser Verurteilung wurde auch nur in der liberalen Theologie widersprochen, unter anderem durch Adolf von Harnack, der die Kirche aufforderte, endlich “das Erbe Markions zu vollstrecken”. Würde ich “griechisch” schreiben, sähe mein Statement über Markion so aus:

Markion war ein Mann, dem die Liebe und Gnade Gottes, durch die wir vom Gesetz befreit worden sind, so wichtig war, dass er sie zum Hauptmotiv seiner Lehre machte. Aber anstatt die biblische Spannung zwischen dem Gott der Gnade und dem Gott des Gesetzes und des Gerichts auszuhalten, löste er sie auf, indem er sich vom Monotheismus und von allen jüdischen Wurzeln löste und den Gott des Gesetzes sowie den leidenden Messias verwarf. Einseitigkeit ist oft der erste Schritt zur Irrlehre, und mit Recht trennte die Kirche sich von ihrem radikalen Sohn.

Solch einer Aussage würde wohl niemand widersprechen. Aber ich hasse solche “griechisch” ausgewogenen Aussagen von ganzem Herzen. Dieses zahnlose Zeug macht die Christenheit zu der harmlosen Gesellschaft, die sie weitgehend ist. Sollte ich über Markion schreiben, schriebe ich “hebräisch”:

Obwohl Markion ein Ketzer war, war Markion rechtgläubiger als viele Rechtgläubige.

Und da es einem Maschal, das man erklären will, ebenso geht wie einem Film, den man im Sonnenlicht aus der Kamera nimmt, um zu betrachten, was auf ihm zu sehen ist, überlasse ich es meinem Leser, sich darauf einen Reim zu machen.

Ich weise den Leser nur vorsorglich darauf hin, dass auch in Zukunft manches, was ich schreiben werde, nicht “griechische” Kelle, Mörtel und Ziegel sein wird, mit denen ich mein Haus konstruiere, sondern “hebräische” Abrissbirne, mit der ich sein Haus dekonstruiere.

Der “Hebräer” genießt Freiheiten, die der “Grieche” nicht kennt, weil er durch vielfältige Fesseln gebunden ist. Eine von ihnen ist die Logik. Sie schränkt den “Griechen” beispielsweise durch den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch ein, nach dem “zwei einander widersprechende Gegensätze nicht zugleich zutreffen können”. Etwas kann nicht zugleich wahr und falsch sein, so wie ich nicht gleichzeitig in Berlin und außerhalb von Berlin sein kann.

Doch das sicherste Prinzip von allen ist das, bei dem eine Täuschung unmöglich ist […] Welches das aber ist, wollen wir nun angeben: Denn es ist unmöglich, dass dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme. […] Doch wir haben eben angenommen, es sei unmöglich, dass etwas zugleich sei und nicht sei.

Aristoteles, Metaphysik

Ich liebe folgende Aussage in Sprüche 26,4-5:

Antworte dem Toren nicht nach seiner Torheit, dass du ihm nicht gleich wirst.
Antworte aber dem Toren nach seiner Torheit, dass er sich nicht weise dünke.

So darf der “Hebräer” reden und seinen Hörer mit diesem Gegensatz allein lassen. (Natürlich wird der logische “Grieche” sofort einwenden, beide Aussagen seien nicht “in derselben Beziehung” gemacht worden, sondern aus verschiedenen Perspektiven, und sie widersprächen einander nicht, sondern ergänzten einander. Er hat auch Recht damit, aber ebenso hat er die hebräische Schönheit getötet.)

Der “Hebräer” spürt, dass er die “Wahrheit” oft am besten ausdrücken kann, indem er bereits vorhandener “Wahrheit” unbekümmert widerspricht. Der paulinischen Aussage, dass “der Mensch gerecht wird allein durch den Glauben” (Römer 3,28) tritt Jakobus mit dem Widerspruch entgegen, dass “der Mensch nicht durch Glauben allein gerecht wird” (Jakobus 2,24).

Die Exegeten haben sich natürlich über diesen “hebräischen” Widerspruch gegen eine “griechische” Lehraussage hergemacht und verschiedene Erklärungen gegeben. Die einen sehen in beiden Aussagen jeweils verschiedene Aspekte der Rechtfertigungslehre, die anderen sehen darin das Nebeneinander verschiedener Theologien in der ersten Gemeinde, die dritten einen Protest gegen einen Missbrauch paulinischer Lehre, bei dem Gemeinden “den sozialen Anspruch des Evangeliums unter verkürzter Berufung auf Paulus ignorieren” (Wikipedia).

Solche Erklärungsversuche mögen unvermeidlich oder nötig sein. Unsere linke Gehirnhälfte verlangt nach ihnen. Aber Hasos rechte Gehirnhälfte empfindet solche Erklärungen wie das Sezieren einer Blume. Man hat am Ende viele biologische Geheimnisse enthüllt, aber wo bleibt die Schönheit?

Mit diesem Widerspruch muss ich leben. Einerseits bin ich selbst von Herzen Exeget (als ich theologischer Lehrer war, war die Auslegung von Paulusbriefen mein Lieblingsfach). Andererseits seufze ich manchmal bei mir selbst, weil nicht nur “Jesus das Reich Gottes versprochen hat, und gekommen ist die Kirche”, sondern weil Jesus auch das Wort Gottes versprochen hat, und gekommen ist die Exegese.

Zurück zum “hebräischen” Widerspruch. Wenn die “Wahrheit” zur bloßen Richtigkeit verkommen ist, die nicht einmal mehr die Gemeinde in Aufruhr bringt, geschweige denn die Welt, dann sind nicht die “griechischen” Lehrer gefordert, sondern die “hebräischen” Propheten. Dann muss einer aufstehen und eine “Bergpredigt” halten, in der er dem, was derzeit geglaubt wird, widerspricht mit einem “Ich aber sage euch”. In dieser Predigt wird vieles weder “logisch” noch “praktikabel” sein. [Selbst Jesus sagte trotz Matthäus 5,34 unter Eid aus, als er vor dem Hohen Rat stand. Seine Brüder hatten manches gegen ihn, und dennoch verließ er nicht „den Altar“ (Matthäus 5,23-24), um sich zuerst mit ihnen zu vertragen. Und vom auszureißenden Auge (Matthäus 5,29) war schon die Rede.]

Aber jetzt habe ich genug geschrieben. Wer Augen hat zu sehen, findet in der Schrift genug, was dem “Griechen” eine Torheit ist.

Foto: Harald Sommerfeld

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3 Kommentare zu „Griechisches oder hebräisches Denken?“

  1. Rein zufällig bin ich auf diesen Artikel gestossen. Ich verspüre ein sehr grosses Bedürfnis, hier eine andere Sichtweise einzubringen. Ich werde mich bewusst auf die «griechische» Art ausdrücken, da nonverbale Kommunikation so klar und explizit wie möglich sein muss, um überhaupt einen Sinn zu haben.

    Grundsätzlich ist es interessant, sich über verschiedene Denk- und Ausdrucksweisen zu unterhalten, unabhängig von Geschichte und Glaube. In diesem Artikel wird jedoch eine Ablehnung der sogenannten «griechischen» Denkweise vermittelt, der jemand mit Argumenten entgegenhalten muss.

    Ich bin mir nicht ganz sicher, was mit dem «Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch» hier genau bezweckt wird. Aber es scheint so, als würde dieser gezielt benutzt werden, um die Logik als solche gewissermassen in ihrem Fundament in Frage zu stellen. Kurt Gödel hat 1931 folgende Sätze aufgestellt und bewiesen:

    Der Erste Unvollständigkeitssatz besagt, dass es in hinreichend starken widerspruchsfreien Systemen immer unbeweisbare Aussagen gibt. Der Zweite Unvollständigkeitssatz besagt, dass hinreichend starke widerspruchsfreie Systeme ihre eigene Widerspruchsfreiheit nicht beweisen können.

    Das ist ein intellektuell höchst interessantes und anspruchsvolles Thema, jedoch für den Alltag und die Bedeutung der Logik nicht so relevant, wie der Autor hier den Eindruck vermitteln will. Ebenso wird keinerlei Alternative dazu geboten, die auch nur im Entferntesten so mächtig, wahrheitsgetreu, und nützlich wie die Logik ist.

    Das «hebräische» Denken ist ganz bestimmt keine ernst zu nehmende Alternative dazu, auch wenn es seine eigenen Stärken hat. Eine dieser Stärke ist für mich die Macht der Provokation, wie der Autor selbst auch schreibt. Mit widersprüchlichen Aussagen kann man die Leute aus ihrer Komfortzone heraus drängen und dadurch eine Diskussion anregen (die dann aber besser wieder auf «griechisch» geführt wird). Eine andere Stärke ist das durch ein Gleichnis oder Sprichwort ausgelöste selbstständige und kritische Denken des Zuhörers, der dann für sich eine Erkenntnis daraus gewinnen kann. Auf jeden Fall aber ist es nicht förderlich, mit Gleichnissen, Sinnbildern und widersprüchlichen Aussagen zu argumentieren um Wissen zu schaffen oder Tatsachen zu erklären.

    Wenn wir schon beim Schaffen von Wissen sind: Ein Grundprinzip der Wissenschaften ist, dass nichts zu 100% bewiesen werden kann. Auch nicht mittels zig-fach wiederholter empirischer Evidenz, denn es könnte ja immer noch sein, dass in Zukunft ein zur Theorie widersprüchliches Ereignis auftritt. Was die Wissenschaft jedoch sehr gut kann, ist das Widerlegen von Aussagen und Theorien. Denn dazu genügt es, ein einziges mess- oder beobachtbares Gegenbeispiel zu finden. Und eine Theorie, die Jahre konstanter Anstrengung zur Widerlegung standhalten kann, ist zumindest als sehr wahrscheinlich und in vielen Fällen als sehr nützlich zu betrachten. Das zeigt die Geschichte.

    Im Artikel werden Beispiele von «hebräischen» Aussagen gemacht, die daraufhin so interpretiert werden, als ob es unmissverständlich wäre, wie sie zu deuten sind. Jeglicher Diskurs über deren Bedeutung würde ihren Sinn und Zweck – das selbstständige Interpretieren und Ableiten von Erkenntnis – ja in ihrem Kern ersticken. Eine sinnvolle Diskussion darüber kann nur auf «griechisch» stattfinden und mit «Ich interpretiere das so, dass…» beginnen.

    Das Argument, dass das griechische Denken die Schönheit von Sprichwörtern zerstört, stimmt nur in gewisser Hinsicht. Es wird hier an der falschen Stelle und aus dem falschen Grund gemacht. Es ist nicht das «griechische» an sich, welches keine Schönheit in sich trägt (so scheint es mir gemeint zu sein) oder die Schönheit anderer Dinge zerstört, sondern nur dessen Anwendung zu einem unpassenden Zeitpunkt. Was ist mit Schönheit überhaupt gemeint? Aus meiner Sicht kann das nur eine Sache sein: Der durch das Lesen ausgelöste logische Fluss von Gedanken, gedacht auf «griechisch». Die Schönheit liegt in der Einfachheit, Mächtigkeit, Eleganz und logischen Konsistenz der Gedanken, und im emotionalen und angeregten Austausch dieser untereinander.

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  2. Rein zufällig bin ich auf diesen Artikel gestossen. Ich verspüre ein sehr grosses Bedürfnis, hier eine andere Sichtweise einzubringen. Ich werde mich bewusst auf die «griechische» Art ausdrücken, da nonverbale Kommunikation so klar und explizit wie möglich sein muss, um überhaupt einen Sinn zu haben.

    Grundsätzlich ist es interessant, sich über verschiedene Denk- und Ausdrucksweisen zu unterhalten, unabhängig von Geschichte und Glaube. In diesem Artikel wird jedoch eine Ablehnung der sogenannten «griechischen» Denkweise vermittelt, der jemand mit Argumenten entgegenhalten muss.

    Ich bin mir nicht ganz sicher, was mit dem «Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch» hier genau bezweckt wird. Aber es scheint so, als würde dieser gezielt benutzt werden, um die Logik als solche gewissermassen in ihrem Fundament in Frage zu stellen. Kurt Gödel hat 1931 folgende Sätze aufgestellt und bewiesen:

    Der Erste Unvollständigkeitssatz besagt, dass es in hinreichend starken widerspruchsfreien Systemen immer unbeweisbare Aussagen gibt. Der Zweite Unvollständigkeitssatz besagt, dass hinreichend starke widerspruchsfreie Systeme ihre eigene Widerspruchsfreiheit nicht beweisen können.

    Das ist ein intellektuell höchst interessantes und anspruchsvolles Thema, jedoch für den Alltag und die Bedeutung der Logik nicht so relevant, wie der Autor hier den Eindruck vermitteln will. Ebenso wird keinerlei Alternative dazu geboten, die auch nur im Entferntesten so mächtig, wahrheitsgetreu, und nützlich wie die Logik ist.

    Das «hebräische» Denken ist ganz bestimmt keine ernst zu nehmende Alternative dazu, auch wenn es seine eigenen Stärken hat. Eine dieser Stärke ist für mich die Macht der Provokation, wie der Autor selbst auch schreibt. Mit widersprüchlichen Aussagen kann man die Leute aus ihrer Komfortzone heraus drängen und dadurch eine Diskussion anregen (die dann aber besser wieder auf «griechisch» geführt wird). Eine andere Stärke ist das durch ein Gleichnis oder Sprichwort ausgelöste selbstständige und kritische Denken des Zuhörers, der dann für sich eine Erkenntnis daraus gewinnen kann. Auf jeden Fall aber ist es nicht förderlich, mit Gleichnissen, Sinnbildern und widersprüchlichen Aussagen zu argumentieren um Wissen zu schaffen oder Tatsachen zu erklären.

    Wenn wir schon beim Schaffen von Wissen sind: Ein Grundprinzip der Wissenschaften ist, dass nichts zu 100% bewiesen werden kann. Auch nicht mittels zig-fach wiederholter empirischer Evidenz, denn es könnte ja immer noch sein, dass in Zukunft ein zur Theorie widersprüchliches Ereignis auftritt. Was die Wissenschaft jedoch sehr gut kann, ist das Widerlegen von Aussagen und Theorien. Denn dazu genügt es, ein einziges mess- oder beobachtbares Gegenbeispiel zu finden. Und eine Theorie, die Jahre konstanter Anstrengung zur Widerlegung standhalten kann, ist zumindest als sehr wahrscheinlich und in vielen Fällen als sehr nützlich zu betrachten.

    Im Artikel werden Beispiele von «hebräischen» Aussagen gemacht, die daraufhin so interpretiert werden, als ob es unmissverständlich wäre, wie sie zu deuten sind. Das erstickt ihren Sinn und Zweck – das selbstständige Interpretieren und Ableiten von Erkenntnis – ja bereits im Kern. Eine sinnvolle Diskussion darüber kann nur auf «griechisch» stattfinden und mit «Ich interpretiere das so, dass…» beginnen.

    Das Argument, dass das griechische Denken die Schönheit von Sprichwörtern zerstört, stimmt nur in gewisser Hinsicht. Es wird hier an der falschen Stelle und aus dem falschen Grund gemacht. Es ist nicht das «griechische» an sich, welches keine Schönheit in sich trägt (so scheint es mir gemeint zu sein) oder die Schönheit anderer Dinge zerstört, sondern nur dessen Anwendung zu einem unpassenden Zeitpunkt. Was ist mit Schönheit überhaupt gemeint? Aus meiner Sicht kann das nur eine Sache sein: Der durch das Lesen ausgelöste logische Fluss von Gedanken, gedacht auf «griechisch». Die Schönheit liegt in der Einfachheit, Mächtigkeit, Eleganz und logischen Konsistenz der Gedanken, und im emotionalen und angeregten Austausch dieser untereinander.

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