Traumata

Über Manfred habe ich schon erzählt. Er war ein Freund mit dem ich beten durfte, und der Jesus als Herrn seines Lebens annahm. Einige Jahre später starb er sehr sehr jung.

Der erste Mensch, dem ich den Herrn Jesus nahebrachte und der ihn in sein Leben aufnahm war allerdings meine Mutter.
Sie war klein und dick und hatte Diabetes. Nach einigen Jahren schwerer Depressionen und mehrerer Selbstmordversuche war sie schon jahrelang stabil und wieder recht fröhlich drauf.
Oftmals war sie sogar sehr albern. Besonders witzig fand ich, wenn sie hinter dem Rücken meines Vaters dumme Grimassen schnitt. Der Clou daran war, daß sie ihr künstliches Gebiss mit einer Mundbewegung lockern konnte, so daß es nach vorn zwischen die Lippen rutschte.
Das sah unwahrscheinlich dämlich aus!
Ihr Gottesbild sah so aus daß sie glaubte, der Herr würde meinen Vater für seine Familientyrannei einst ganz übel bestrafen. Sie brauchte wirklich Errettung!
Davon konnte ich sie einige Monate nach meiner Bekehrung überzeugen und sie sprach mir das Übergabegebet an Jesus nach.

Einmal kam sie mit mir zum Gottesdienst. Ich wusste, sie brauchte noch Befreiung von vielen Dingen. Leider entgleiste ihr Blutzucker während des Gottesdienstes und ihr wurde sehr übel. Ich musste schnell mit ihr nach Hause fahren. Kurz darauf kam sie von ihrem täglichen Spaziergang im Stadtwald nicht nach Hause.
Ein betrunkener Autofahrer hatte sie mit überhöhter Geschwindigkeit weggeputzt, als sie eine Strasse überquerte. Sie flog etwa 14 Meter weit durch die Luft und war sofort tot.
Eine Freundin von uns, die auch Christin war, hatte sie kurz zuvor im Stadtwald gesehen und überlegt, ob sie meine Mutter nicht ansprechen und begrüßen sollte.

Aus irgendwelchen Gründen hatte sie es nicht getan. Ein kurzer Satz der Begrüßung und das schnelle Auto mit dem betrunkenen Fahrer wäre nicht zur richtigen Sekunde am richtigen Ort gewesen.

Die Ärzte wollten mich nicht zu ihr lassen, um Abschied von ihr zu nehmen, obwohl ich darauf bestand. Ich sollte sie lieber so im Gedächtnis behalten, wie ich sie kannte.
Aber man gab mir ihr zerbrochenes Gebiss mit nach Hause.

+ Helmut Tank +

Gestern war ich auf einer Trauerfeier im alten Annastift in Hannover.
Helmut Tank ist tot.
Er war ein beeindruckender Mensch.
Mit 17 Jahren erkrankte er schwer an Kinderlähmung und musste jahrelang auf der Intensivstation künstlich beatmet werden.
Er lag dort nicht im Koma, sondern bei vollem Bewusstsein. Die Lähmung erstreckte sich vom Hals an abwärts und hatte die gesamte Atemmuskulatur betroffen, so daß er einen Luftröhrenschnitt bekam, durch den er mit einer künstlichen Kanüle beatmet wurde. + Helmut Tank + weiterlesen

+ Helmut Tank +

Gestern war ich auf einer Trauerfeier im alten Annastift in Hannover.
Helmut Tank ist tot.
Er war ein beeindruckender Mensch.
Mit 17 Jahren erkrankte er schwer an Kinderlähmung und musste jahrelang auf der Intensivstation künstlich beatmet werden.
Er lag dort nicht im Koma, sondern bei vollem Bewusstsein. Die Lähmung erstreckte sich vom Hals an abwärts und hatte die gesamte Atemmuskulatur betroffen, so daß er einen Luftröhrenschnitt bekam, durch den er mit einer künstlichen Kanüle beatmet wurde.
Ich begegnete ihm zum ersten Mal 1975, als ich im Wohnheim für Schwerstbehinderte Zivildienst machen sollte. Eigentlich wollte ich im normalen Fachkrankenhaus arbeiten, aber man hatte mich zu den Behinderten verfrachtet, die mir Angst machten.
Das Gespräch mit ihm nahm mir die Angst und ich blieb nach dem Zivildienst noch viele Jahre im Wohnheim als Pfleger hängen. Es war eine richtungweisende und wichtige Zeit in meinem Leben.
Helmut konnte mittlerweile im Rollstuhl sitzen und atmete durch geschickte Schaukelbewegungen im Rollstuhl mit den Atemhilfsmuskeln. Nur im Liegen musste er an das Beatmungsgerät.
Er hatte einen unbändigen Lebenswillen und Drang zur Freiheit. Bei den meisten Schwerbehinderten im Wohnheim hatte ich den Eindruck, daß sie nur um sich selbst und ihre Behinderung kreisten und sich selbst bemitleideten, aber nicht Helmut.
Er ergab sich nie in sein Schicksal, sondern machte das Beste daraus. So machte er in fortgeschrittenem Alter noch eine Fachschulausbildung und fing an zu studieren.
Er dachte nicht nur an sich selbst sondern setzte sich intensiv für seine Mitbewohner ein.
Als ich ihm von meinem Glauben an Jesus erzählte meinte er: „Schön, daß Du mir so offen und ehrlich von Deinem Glauben erzählst“. Er freute sich darüber und wurde nicht komisch, ablehnend oder sarkastisch, wie so viele Andere.
Helmut war ein richtiger „Mensch“. Ein außergewöhnlicher Mensch. Ich mochte ihn sehr gern.
Vor vielen Jahren traf ich ihn mal zufällig bei Karstadt, wo er mit seinem Elektrorollstuhl umherrollte.
Er erinnerte sich noch an mich, obwohl die Pflegekräfte und Zivis im Annastift über die Jahre reichlich wechseln.
Seitdem hatte ich immer wieder so ein Bauchgefühl und Drängen im Herzen, ihn im Annastift zu besuchen. Ich glaube, das kam von Gott. Immer wieder dachte ich daran, setzte es aber nie in die Tat um. Nun ist es zu spät dafür. Schade.

Er hatte viele Freunde und bei der Trauerfeier weinten viele Rollstuhlfahrer um ihn. Die Kapelle war knüppeldicke voll.
Er wird wirklich von Vielen vermisst.