Manfred

Sein Name war Manfred L. und es gab ihn wirklich einmal.
Ich habe kein Foto mehr von ihm, denn es ist lange her. Vielleicht ist noch eins im Keller in irgendwelchen verstaubten Kisten?
Manfred war Krankenpflegehelfer, so wie ich damals. Er war ein sehr netter Mensch. Hübsch irgendwie und unaufdringlich. Zurückhaltend und doch sehr offen.
Wir kamen bei der Arbeit ins Gespräch über den Glauben an Gott. Ich erzählte ihm von meinem Glauben an Jesus und meinen Erfahrungen mit Gott.
Er diskutierte nicht mit mir über die Echtheit der Bibel oder meines Glaubens, sondern wurde innerlich ganz aufgeregt. Etwas in ihm antwortete heftig auf meine Stories. „Was Du sagst ist wahr“, pflichtete er mir bei: „Ich habe das Licht gesehen!“ Diesen Satz widerholte er mehrmals: „Ich habe das Licht gesehen!“
Später hatte ich mehrere Monate lang einen Inder in meinem kleinen Zimmer im Wohnheim für Schwerstkörperbehinderte zu Gast. Das Zimmer war ca. 3 Meter lang und 2 Meter breit, ein enger Schlauch mit Waschecke. Siradj der Inder schlief auf dem Sofa und war damit zufrieden. Er wollte indische Decken, Tücher und Kunsthandwerk in Deutschland verkaufen.
Eines Tages kochte Siradj in Manfreds Wohngemeinschaft für alle indisches Huhn mit Reis.
Wir saßen in der Küche, aßen und tranken und hatten eine angeregte Unterhaltung. Siradj aß ohne Besteck nur mit den Fingern. Das würde in Indien so gemacht, erzählte er.
Bald ging es auch um den Glauben an Gott und Jesus. Manfred war sehr interessiert, die meisten Anderen ziemlich skeptisch.
Taina, eine Bhagwan-Jüngerin, die reichlich Drogenerfahrung besaß, verbreitete einen unsichtbaren religiösen Nebel der Verwirrung um sich herum, der mich sehr störte. Ich ging aufs Klo um zu beten. Im Gebet band ich alle Mächte der Finsternis und des Bösen und rief die Herrschaft Jesu Christi aus (Halblaut). Als ich in die Küche zurückkam, verabschiedete sich Taina auf einmal rasch und eilig, als hätte sie wichtige Dinge zu erledigen.
Nach dem Essen wollte Manfred gern mit mir beten, um Jesus Christus als Herrn und Erlöser in sein Leben einzuladen.
Taina war allerdings nicht wirklich gegangen, sondern kam ab und zu in Manfreds Zimmer reingeschneit, in das wir uns allein zurückgezogen hatten, um zu beten.
Sie brachte Bücher von indischen Gurus, Hermann Hesse und Rabindranath Tagore mit, die sie uns empfahl. Irgendwie tänzelte und schwebte sie ins Zimmer herein und wieder heraus und lächelte träumerisch und gedankenverloren dabei.
Manfred erzählte mir, daß er mit Taina eine schlimme Drogenerfahrung in eben diesem Zimmer gemacht hätte. Als Taina ihn mit den Augen fixierte, sei ihm völlig anders geworden und der Boden und alles im Zimmer hätten sich mit Blut bedeckt. Ein schlimmer Horrortrip war die Folge.
Es war sein erster und letzter LSD-Trip. Seit diesem Erlebnis hatte er in Abständen psychotische Zustände, die psychiartrisch behandelt werden mussten.
Nun nahm er Jesus in sein Leben auf und wir beteten zusammen. Manfred strahlte mich ruhig und gücklich an.
Ich sagte ihm, daß er nun ein Kind Gottes sei und daß jetzt alles gut werden würde.
In der nächsten Zeit kam er öfter mit in die Gemeinde Jesus Treff. Wir waren Jesus-People.
Aber es ging Manfred nicht wirklich gut. Er hatte psychotische Rückfälle. Eines Tages saß er am Hauptbahnhof allein auf einem Pflanzenkübel und streute sich immerzu Erde auf den Kopf.
Ich fand das harmlos und begriff nicht, warum er unter solchen Zuständen litt.
Mein damaliger Pastor Achim Schneider nahm mich bei einem Spaziergang beiseite und sagte: „Was der Manfred jetzt braucht ist Wort Gottes, Wort Gottes, Wort Gottes!“
Ich bemühte mich daraufhin noch mehr um ihn und bewegte ihn dazu, sich taufen zu lassen, um die Anrechte der Dämonen abzuschneiden. Auch warnte ich ihn vor Rockmusik und deren okkulten Wurzeln.
Manfred war Schlagzeuger in der Band Phantasmagoria.
Nach seiner Taufe in der Elim-Gemeinde Hannover, die ein Taufbecken besaß, wo man Leute mit dem ganzen Körper unter Wasser tauchen konnte, nahm ich Manfred im Keller der Gemeinde in Empfang, um ihm mit dem nassen, weißen Taufkleid zu helfen.
Er sah mich an wie Johannes der Täufer und fing an, das Taufkleid an der Brust aufzureissen.
Ich hielt ihn davon ab, daß ganze Kleid kaputtzureissen, weil es der Christengemeinde Elim gehörte.
Auf mein besorgtes Fragen hin sagte er mir , daß mit ihm alles in bester Ordnung sei.
Er ging aber bald darauf wieder zum Psychiater und ließ sich Imap spritzen, ein Anti-Psychotikum mit Langzeit-Wirkung.
Darufhin ging es ihm wieder besser. Ich weiß nicht mehr, ob ich ihm gesagt hatte, daß er keine Medikamente gegen Psychosen mehr bräuchte, weil er doch jetzt Jesus gehörte, vielleicht war er auch von allein auf diesen Gedanken gekommen.
So ging es mit Manfred in der kommenden Zeit auf und ab. Wir wurden enge Freunde und ich lernte auch seine Lebensgefährtin Barbara kennen, mit der er ein Kind hatte. Sie war Ärztin.
Eine überaus nette Frau ohne Allüren. Bescheiden und intelligent, voll menschlicher Wärme.
Sie unterstützte Manfreds neuen Glauben, obwohl sie selbst nicht viel damit anfangen konnte, meinte aber, daß es für ihn wohl besser wäre in eine gemäßigte lutherische Gemeinde in ihrem Ort zu gehen, weil unsere Gemeinde ihn zu sehr „aufregen“ würde.
Als Manfred meine Frau und mich in unserer neuen Wohnung eimal besuchte, kam es zu einer dramatischen Szene.
Es fing alles harmlos an. Wir unterhielten uns über Jesus und den Glauben. Ich hatte Manfred ein Büchlein von John Osteen ausgeliehen. Es hieß: Das Wunder ist in Deinem Munde.
Manfred war begeistert von den gewaltigen Möglichkeiten des Gebets im Glauben.
Irgend ein biblischer Held hatte mal den Lauf der Sonne angehalten, um eine Schlacht beenden zu können.
Als wir im Wohnzimmer zusammen beteten, fing Manfred an, in dieser Richtung zu beten und rief plötzlich aus, daß er jetzt im Namen Jesus die Welt anhalten würde.
Wir waren einigermaßen entsetzt und versuchten ihm zu erklären, daß das wohl keine gute Idee wäre. Er ließ sich beruhigen, war aber innerlich total aufgewühlt und steigerte sich immer mehr in einen frommen Wahn hinein.
„Du bist Jesus“, sagte er zu mir und ich bin der Heilige Geist. Davon ließ er sich einfach nicht abbringen. Ich telefonierte schnell mit Barbara, seiner Lebensgefährtin, weil ich völlig ratlos war, wie ich weiter mit Manfred umgehen sollte.
Während ich noch draußen auf dem Flur telefonierte, kam Manfred durch die Tür gesprungen, fauchte wie ein Drache und schlug mit den Armen auf und nieder, als hätte er lederne Drachenflügel, statt Arme. Er blickte wild um sich.
Ich überlegte, ob ich den Dämonen in Manfred gebieten sollte, ihn auf der Stelle zu verlassen, was möglicherweise funktioniert hätte. Jedoch schlief mein kleiner Sohn, der noch ein Baby war nebenan im Schlafzimmer und ich hatte Angst, daß Manfred total ausrasten würde, wenn ich anfing, den Dämonen in ihm zu gebieten. Man hatte schon von so manchem heißen Tanz gehört, der bei solchen Gelegenheiten gerne aufgeführt wurde und ich wollte nicht, daß mein Baby Schaden nimmt.
„Warte es nur ab, Dich kriegen wir auch noch“, sagten die Dämonen aus Manfreds Mund mit höhnischer Stimme. Ich zuckte zusammen. Mir gruselte.
Ich hatte eigentlich Nachtdienst und musste dringend los zum Wohnheim für Körperbehinderte, hatte aber starke Bedenken, meine Frau und das Baby mit Manfred allein zu lassen.
Da meine Sylvia auch Krankenschwester ist, schickte ich einfach sie für mich zur Arbeit und blieb mit Manfred allein.
Ich redete und redete auf ihn ein und versuchte ihn zu beruhigen, aber nichts half.
In einem lichten Moment sagte er zu mir: „Ralf, ruf einen Krankenwagen, es hat keinen Zweck! Ich muß in die die Psychiartrie“.
Die Männer mit den weißen Jacken kamen bald und nahmen Manfred mit.
Ich besuchte ihn bald darauf mehrmals im Landeskrankenhaus und war erschrocken über die großen Krankensäle, wo 12 oder mehr Patienten in einem Raum zusammengepfercht waren.
Es ging ihm nicht gut, aber er kam bald wieder zu sich.
Über Jesus und den Glauben mochte ich nicht mehr mit ihm sprechen, es sei denn, der Anstoß dazu kam von ihm.
Viel später, als er schon lange entlassen war und es ihm wieder ganz gut ging, besuchte Manfred unsere Familie erneut zu hause. Er hatte viele Bilder von sich dabei und wir durften uns aussuchen, welches uns gefiel. Es war ein schöner Nachmittag und wir waren erleichtert, daß es ihm wieder gut ging. Er meinte, daß er einen solch schlimmen Zustand der Psychose nie wieder erleben möchte. Das verstanden wir jetzt nach dem gemeinsam Erlebten sehr gut.
Wir ahnten nicht, daß es der letzte Besuch von ihm sein würde.
Kurz darauf erhielten wir einen Anruf von Barbara, daß er sich zu hause an einem Holzbalken erhängt hatte.
Er hatte ein Lächeln im Gesicht, als sie ihn fand.

1978. Siradj und ich auf unserem kleinen Balkon im Wohnheim

3 Antworten

  1. Sehr beeindruckend erzählt, lieber Ralle. Erinnert mich an manches aus meiner Jugend.
    Ich glaube, dass unser Problem als Jesus-People hauptsächlich das Fehlen von „geistlichen Vätern und Müttern“ war. Zumindest wir in Berlin hatten da ein Vakuum, wo liebevolle Menschen hingehört hätten, die und erst mal geistliche Milch, dann geistlichen Haferbrei und später geistliche Pizza und Spießbraten gegeben hätten.
    Wir hatten in unseren Reihen Menschen wie Manfred, manche sind gescheitert, andere haben es irgendwie geschafft, mich eingeschlossen. Oft genug eher schlecht als recht.

    Man kann darüber lamentieren, oder man kann sich vornehmen, für die jetzt junge Generation „geistlicher Vater“ und „geistliche Mutter“ zu sein. Es muss ja nicht unbedingt sein, dass wir die Fehler von damals wiederholen…

  2. @Günter:
    Bei uns waren geistliche Eltern genau so Mangelware wie bei Euch. Wir gründeten dann eine charismatische Gemeinde und beschlossen, selbst Väter und Mütter zu werden.
    Jetzt bekamen wir nach und nach zwar mehr Väter und Mütter im Glauben, aber kaum noch Leute wie Manfred.
    Ich kann nur hoffen, daß missionierende Gemeinden heutzutage weiser mit psychisch Kranken bzw. dämonisierten Menschen umgehen.

  3. Ja wirklich, sehr eindrücklich und bewegend erzählt. Wir haben uns in der Zwischenzeit, Gott sei Dank, verändert. Ich würde heute keinem mehr raten die Medikamente eigenmächtig abzusetzen. Die Psychopharmaka haben sich auch verändert und die Psychiatrien auch. Gott sei dank. Wem sonst.

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