Worüber die Bibel nicht spricht

Viele Christen haben auf einfach alles eine biblische Antwort. Und sie können auch alles biblisch begründen.
Sie wissen genau, was Gott über Homosexualität oder Umweltschutz denkt, über die Behandlung von Tieren und das korrekte Verhalten in der Ehe.
Man weiß bescheid über Kindererziehung aus biblischer Sicht und die christliche Führung von Unternehmen. Sex vor der Ehe ist Gott ein Greuel und Abtreibung Mord.
Das steht ja auch alles in der Bibel und die Bibel ist nunmal Gottes Wort!
Aber äußert sich die Bibel wirklich überhaupt über alle diese Themen, über die wir angeblich so genau den Willen Gottes kennen?
Was ist zum Beispiel mit der Sünde der Selbstbefriedigung? Was sagt die Bibel wirklich darüber?
Alles klar, denkt der radikale Fundamentalist, das Wort Onanieren kommt von Onan, einem Menschen aus der Bibel. In 1. Mose 38,10 steht, daß es böse war, was Onan tat und er ließ ihn sterben. Alles klar?
Wenn man die Geschichte allerdings im Kontext ließt, bemerkt man, daß es überhaupt nicht um die Sünde der Selbstbefriedigung geht, sondern um ganz andere Dinge. Onan wollte sich seiner damals kulturellen Pflicht entziehen, mit seiner Schwägerin Kinder zu zeugen, da deren Mann gestorben war und die Kinder damals ihre Versorgung im Alter gesichert hätten.
Das ist die absolut einzige Stelle in der Bibel, die im entferntesten Sinne irgendetwas mit Selbstbefiedigung zu tun hat. Und doch habe ich in Gottesdiensten miterlebt, wie der Prediger sagte: „Ich fühle mich vom Heiligen Geist gedrängt, zu sagen, Selbstbefriedigung ist Sünde!“
Ich besaß mal eine ganze Kassettenserie über das Thema, wie man die Sünde der Selbstbefriedigung besiegt. Aber es ist Fakt, daß sich die Bibel über diese sogenannte „Sünde“ nicht mit
einem Wort ausgelassen hat!
Neulich versuchte ich zu ergründen, was die Bibel eigentlich über Abtreibung sagt. Ich stellte fest, daß sie nicht
ein Wort zu dem Thema zu sagen hat.
Komisch irgendwie. Es gibt viele Stellen über Mord und Totschlag, Krieg und Waffengewalt, das töten von Tieren, versehentliches töten von Mensch und Tier und sogar eine Stelle über das Schlagen einer Schwangeren, durch daß ihr Kind getötet wird, aber nicht eine einzige Stelle über das vorsätzliche Töten eines Ungeborenen!
Vielleicht gab es noch keine Abtreibung im Altertum? Kinder waren damals der größte Schatz
und Reichtum, den man haben konnte. Sie waren die Altersvorsorge und Geschenk Gottes.
Aber leider musste ich recherchieren, daß es auch im Altertum schon Abtreibung gab. Sie wird schon bei Hippokrates erwähnt, der Ärzten gebot, sie niemals durchzuführen. Das war Teil des Hippokratischen Eides. Der lebte so um 460 vor Christus. Meist ließen natürlich nur reiche Frauen abtreiben, denn die brauchten ja auch Kinder nicht als Alterssicherung.
Aber da uneheliche Kinder damals im Judentum auch ziemlich drastische Konsequenzen nach sich zogen, gab es sicherlich auch andere Frauen, die ihre Kinder abtreiben ließen. Oder unfreiwillige Väter, die eine Frau dazu drängten.
Warum hat die Bibel dieses Thema dann nicht aufgegriffen? Warum steht es in keinem der bekannten Sündenkataloge?
Wurde es vielleicht gar nicht als Sünde gesehen? Ist Abtreibung schon in dem Satz: „Du sollst nicht töten!“ ausreichend abgehandelt worden?
Jedenfalls hatte es auf keinen Fall den Stellenwert im Judentum und der frühchristlichen Gemeinde, den es jetzt unter evangelikalen, pfingstlichen und charismatischen Christen weltweit hat. Von den katholischen mal ganz zu schweigen.
Ist es nicht seltsam, daß so viele Kirchen und Gemeinden ganz genau
„biblisch“ begründen können, was gar nicht in der Bibel steht?
Das erinnert mich an die Kurzgeschichte von Ephraim Kishon: Wie man ein Buch bespricht, ohne es zu lesen!
Na denn: Roll on, Christenheit. Und denk nicht weiter über die Dinge nach, die angeblich biblisch sind und gar nicht in der Bibel stehen.

9 Antworten

  1. Ein paar wahre Worte, gelassen ausgesprochen beziehungsweise gebloggt.Was die Selbstbefriedigung betrifft gebe ich Dir zu 100 Prozent recht. Alle möglichen und unmöglichen Sünden werden beim Namen genannt, von Speisevorschriften bis zur Enthaltsamkeit während der Menstruation. Kein Wort jedoch zur Masturbation in der gesamten Bibel.In Sachen Abtreibung andererseits gebe ich zu bedenken, dass die Bibel häufig davon spricht, dass der mensch im Mutterleib bereits ein gewolltes Geschöpf Gottes ist. „Hat nicht er, der mich im Mutterleib gemacht hat, auch ihn gemacht, und hat nicht einer im Mutterschoß uns bereitet?“ (Hiob 31, 15) oder „Ehe ich dich im Mutterschoß bildete, habe ich dich erkannt, und ehe du aus dem Mutterleib hervorkamst, habe ich dich geheiligt.“ (Jeremia 1, 5) und viele weitere.Allerdings hielte ich es für besser, den Menschen Christus nahe zu bringen, sie in das Reich Gottes hinein zu lieben als ihnen Moralpredigten über Abtreibung zu halten. Jesus hatte keine Berührungsängste im Kontakt mit Sündern und hat ihnen keine Gesetze aufgezählt…

  2. @Günter: Nicht, daß wir uns missverstehen, ich bin nicht für eine grenzenlose Liberalisierung von Abtreibung. Was ich in frage stelle, ist 1. der biblische Stellenwert des Themas und 2. die Stimmungsmache in der christlichen Welt (besonders Nordamerika), die Abtreibung mit Mord an Geborenen gleichsetzen. (Bis hin zur Bejahung der Ermordung von Abtreibungsärzten!)Und 3. der Umgang mit dem Wort: „Biblisch“.Nicht umsonst habe ich dem Thema das Label „offene Fragen“ aufgedrückt. Für mich ist „Abtreibung aus biblischer Perspektive“ zumindest wieder eine teilweise offene Frage.Ansonsten danke für den Kommentar!

  3. Ich habe Dich auch nicht als Fürsprecher der Abtreibung (miss-)verstanden.Es ist manches nicht biblisch, was so gepredigt wird, vor einiger Zeit habe ich in einem Artikel die Praxis der freikirchlichen Gemeinden in Frage gestellt, aus dem „Zehnten“ ein göttliches Gesetz zu machen. Was blies mir da für ein Wind entgegen, als hätte ich geschrieben, wir sollten nichts mehr spenden…Ich hatte lediglich festgestellt, dass es im Neuen Testament keine einzige Stelle gibt, die man auch nur im Entferntesten so auslegen kann, dass ein Christ 10 Prozent seines Einkommens an seine Gemeinde abführt…

  4. @Günter J: Das mit dem Zehnten sehe ich genauso wie Du. Aber wen wundert es, wenn da Gegenwind kommt, geht es doch ums „Eingemachte“ der Leiter und Pastoren. Das ist natürlich mehr als unbequem. Meist hört sowieso die „biblische“ Argumentation auf, wenn sie mit dem „Fleisch“ kollidiert!;-))GrußRalf

  5. Inzwischen ist übrigens mein Artikel über die Masturbation erschienen und sofort zum meistgelesenen bei MadW avanciert. Tss tss tss…http://gadwmen.wordpress.com/2007/10/22/dauerkontroverse-masturbation/

  6. >Also die Stellen, dass Gott Unzucht hasst, müssen ja nicht explizit erwähnt werden… Und dass die Gedanken bei der Selbsbefriedigung im Rahmen der Unzucht zu finden sind, kann ich dir bezeugen! Du hast vielleicht Recht, wenn du sagst, dass Gott den Samenerguss (ich rede jetzt von Männern)der eben auch durch die Selbsbefriedigung erzeugt wird, nicht als Sünde bezeichnet. Er geschieht ja auch unbewusst nachts. Aber bitte nenne mir Personen, die sich selbstbefriedigen und dabei an ein Wurstbrot (oder sonst was) denken und nicht schmutzige Gedanken in sich haben…

  7. >@Helmut: Ist Unzucht übersetzt nicht einfach "Hurerei?" Und bedeutet somit nicht ausschließlich den bezahlten (oder damals rituellen) Geschlechtsverkehr?Das mit der Phantasie ist dann noch mal einganz anderes Thema, denke ich.GrüßleRalf

  8. >Ich weiß natürlich nicht, wie das bei Männern ist (als Singlefrau, die sich nicht so drum reißt, viel mit Männern über sowas zu reden), aber als Frau kriegt man das hin, rein manuell zum Höhepunkt zu kommen, ohne dabei dreckige Gedanken im Kopf zu haben. Ich kann dabei quasi ne Einkaufsliste zusammenstellen oder eben an ein Wurstbrot denken.

  9. >@Kim: Ich kann natürlich nicht für alle Männer sprechen. Aber bei mir war es immer so, daß ich mir in meiner Phantasie schon die tollsten Sachen dabei ausgemalt habe. Ohne das ging es selten.

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