Verabredung mit dem Fährmann

Jeder von uns hat eine Verabredung mit ihm, dem Fährmann, ob er es nun weiß oder nicht. Der Fährmann wird uns ans andere Ufer bringen, denn er hat den Auftrag dazu. Das Ticket ist schon bezahlt. Jemand Anders hat es ohne unser Wissen gekauft, schon als wir geboren wurden.
Unser Name ist in seiner Liste, der Liste des Fährmanns. Und nur er kennt das Datum unserer Fahrt. Es geht über unbekannte Gewässer an ein unbekanntes Ufer.
Doch wir haben einen gewissen Einfluss auf das Ziel der Fahrt, wenn wir den Chef des Fährmanns kennen. Mit dem sollten wir es nicht verderben, denn es gibt nur diese eine Fahrt – und kein Zurück!
Wir haben ein One-Way-Ticket. Und Du bist der einzige Fahrgast auf dieser Reise, es gibt keine Gruppenreisen.
Du – und der Fährmann – ganz allein. Und der Fährmann redet nicht, er steuert nur das Boot. Wenn die Fahrt angetreten wird, kann man über das Ziel nicht mehr diskutieren oder lamentieren – die Route steht fest und kann nicht mehr geändert werden.

Besser Du redest schon jetzt mit dem höchsten Chef, der die Reisen plant, denn wenn der Fährmann kommt, um Dich abzuholen, ist es zu spät dafür.

Ps 90,12 Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden. (Lutherbibel v. 1912)

Auf einer grünen Blumenwiese

Auf einer grünen Blumenwiese steht Freund Hein und winkt mir zu. Ich tue so als würde ich ihn nicht kennen und schaue in eine andere Richtung.
Der Himmel ist blau und strahlend, die Vögel zwitschern und freuen sich des Lebens. Die Sonne strahlt. Am Himmel sind ein paar nette weiße Wolken. In der Nähe murmelt ein Fluss.
Freund Hein steht immer noch da und winkt mir zu. Das Sonnenlicht spiegelt sich in seiner scharfen Sense. Er ist der Schnitter Tod. Will er zu mir?
Nein, nein, Du hast noch Zeit, bedeutet er mir mit einer Geste. Er spricht niemals, ist stumm, doch Du weißt trotzdem, was er sagt. Er hat so seine eigene Art zu reden.
Ein Mann liegt im Todeskampf, mitten auf der grünen Wiese. Er nimmt die bunten Blumen nicht mehr wahr, nicht den Gesang der Vögel.

Obwohl seine Lieben um ihn versammelt sind, kämpft er allein – chancenlos.
Er will leben, möchte noch bleiben, versucht den Tod aus sich herauszuwürgen. Ungläubig schaut er, kann es nicht fassen, daß ER gemeint ist – er wird doch noch gebraucht – hat eine liebe Frau und vier Kinder, die ihn lieben.
Doch Freund Hein kennt kein Erbarmen, er hat schließlich einen Auftrag. Seine Hand schließt sich fest um das Handgelenk des Sterbenden – er nimmt die scharfe Sense mit der anderen Hand und schneidet den Lebensfaden durch.
Hilfloses Entsetzen durchfährt Frau und Kinder. Die Beter werden stumm. Freund Hein trägt den Toten zu seinem Boot und rudert schnell mit ihm über den Fluss – außer Sichtweite.
Und wir alle bleiben zurück – sind stumm – erschüttert.
Jeder weint für sich allein. Einsam. Continue reading

Endstation

Altenheim Gemeinschaftsraum. Ich sitze bei den Alten am Tisch und schaue in die Runde. Die Alten reden nicht viel. Sie sehen aus, als ob sie auf etwas warten.
Hier ist die Endstation. Wann holt mich jemand ab?
Die Gesichter sind welk, die Lebensfreude meist erloschen. Ein uralter Herr spielt alte Volkslieder auf der Mundharmonika. Einige dünne Stimmen singen freudig mit. Sie erinnern sich an frühere Zeiten.
Sie wirken wie heruntergebrannte Kerzen. Einige flackern schon, wollen bald ausgehen. Einige scheinen noch eine längere Zeit zu brennen. Wirken fröhlich. Andere sitzen nur stumm in ihrem Rollstuhl, brüten farblos über trübsinnigen Gedanken. Eine merkwürdige Leere scheint ihre Augen zu erfüllen.
Mich fröstelt. Ich lese den Herrschaften etwas vor. Bin mir unsicher, ob sie alle fähig sind, das Gelesene aufzunehmen. Eine Dame ist geistig sehr wach, man kann mit ihr über den Text reden. Sie hat nicht nur alles verstanden, sondern strahlt Geist und Würde aus. Die hatte früher sicher mal viel auf dem Kasten.
Und nun sitzt sie hier auf dem Abstellgleis und wartet. Wartet, daß sie jemand abholt.
Am Ende der Lesung wird geklatscht. Es war eine gute, lebendige Geschichte aus der Kindheit. Wir wechseln noch ein paar Worte, dann muß ich gehen.
Ich frage mich, welchen Sinn das Ganze hatte, ein paar alte Herrschaften eine gute Stunde zu unterhalten. Vielleicht verkürzt es die Wartezeit. Oder ist es völlig sinnlos?
Diese Alten sind doch nur noch “Kostenfaktoren”, ohne irgend einen Beitrag zur Gesellschaft. Nutzlos, irgendwie. Eine Belastung meistens.
Ich möchte niemals in einem solchen Heim enden, auch wenn die Mitarbeiter sich in diesem Heim rührend um die Bewohner kümmern. Hoffentlich kommt meine “Endstation” rasch und unerwartet.
Ich mag meine alten Zuhörer gern und lese ihnen gerne vor. Ich wünsche mir, daß durch mich einige Tröpfchen der Liebe Gottes in ihr Herz fallen und sie fröhlich machen. Ich wünschte mir, man könnte das Altern und den Tod aufhalten und zurückdrängen. Ich wünschte mir, man könnte sie retten!
Wo werden diese lieben Menschen nach ihrem Tod sein? Bei Gott? In der Hölle?
Ich kann nichts davon erahnen. Mich beschleicht das drückende Gefühl, daß nur eine große Leere, ein großes “Nichts” sie erwartet. Grau und schwer.
Wenn sie so langsam in die Herrlichkeit Gottes herüberdämmern würden, könnte man nicht etwas davon spüren?

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