Evangelist Rudi Tetzlaff nahm uns 1978 mit nach Blekendorf im Kreis Ostholstein. Einige junge Erwachsene aus der Gemeinde „Jesus Treff“ in Hannover wollten in diesem Gebiet missionieren gehen – von Haus zu Haus, am Strand und in der evangelischen Kirche, wo wir Gottesdienste mitgestalteten. Träger dieser evangelistischen Abenteuerreise war die AJH.
Es ging nicht darum, Menschen für eine bestimmte Frei/Kirche anzuwerben, sondern sie mit dem Glauben an Jesus Christus und die Bibel bekannt zu machen. Ein guter Ansatz – wir kamen mit vielen Menschen an der Haustür ins Gespräch. Und Rudi war anscheinend schwer in Ordnung.
Unsere Missionsbasis, in der wir wohnten hatte es allerdings in sich: Das Seelsorgehaus der „Central Mission“ in Blekendorf. Autoritärer Leiter dieses Missionswerks war Gottfried Eisenhut, ein kauziger Typ, der von sich selbst sagte: Ich bin es gewohnt zu befehlen! Als ich diese Worte hörte, wollte ich eigentlich wieder nach Hause fahren, rang mich aber zum Bleiben durch.
Das große Thema in den täglichen Andachten und Gesprächen mit den Mitarbeitern war der Teufel und die Dämonen. In diesem Haus gab es Dauergäste, welche zur Seelsorge-Kur kamen. Diese „Seelsorge“ bestand offenbar hauptsächlich aus der Austreibung von Dämonen, die in buchstäblich jedem Menschen vermutet wurden. Zitat von einem Mitarbeiter und Seelsorgehelfer: „Ich glaube ich bin selbst noch nicht völlig frei. Bei mir sitzt immer noch einer drin!“
Für den Exorzismus gab es eine kleine Dachkammer in einem Häuschen, in dem wir unsere strategischen Treffen abhielten und zusammen beteten.
Über unseren Köpfen hörten wir schön laut, wie Menschen mit Donnerstimme befahlen: Satan ich befehle Dir, diesen Menschen jetzt zu verlassen! In den Abgrund mit dir, in den AAAAAbgruund! Diese Exorzismen konnten sich über Stunden hinziehen und erinnerten mich irgendwie an die Stimmung aus dem Film Rosemaries Baby. Es war ziemlich gruselig und nicht im Kino, sondern hautnah.
Die „Seelsorgeopfer“ wirkten in keinster Weise irgendwie befreit. Einige waren offensichtlich schwerstens psychisch krank und liefen in Haus und Garten umher wie Zombies. Fast jeder in der Mitgereisten Gruppe fing sich nach einiger Zeit an zu fragen, ob womöglich „auch noch einer“ (gemeint war ein Dämon) in mir drinsteckt. Die Athmosphäre in dem Haus war für viele außerordentlich bedrückend. Wir fixierten uns nicht mehr auf Gott und die erlösende Botschaft von Jesus, sondern dachten fast nur noch an Dämonen und Mächte der Finsternis. Beim gemeinsamen Essen spürte ich regelmässig einen extremen Druck und Schmerz im Magen und hatte Angst, daß es ein Dämon sein könnte. Das Angebot für eine Teufelsaustreibung stand regelmäßig im Raum und Rudi meinte, das könne doch keinem Schaden. Ich und andere waren da ganz anderer Meinung, wenn wir die „Therapierten“ anschauten. Wir begannen, uns vor der Dachkammer zu fürchten und beschlossen, daß uns da keine zehn Pferde hineinbrächten.
Weil der psychische Druck in dieser Situation immer stärker wurde, riefen wir schließlich bei Achim Schneider, unserem Gemeindeleiter in Hannover an und schilderten ihm die Lage. Er riet uns sofort nach Hause zu fahren, was Susi wörtlich nahm und zu ihrer Famile nach Bremen fuhr. Sie war von uns allem am meisten durcheinander und völlig von der Rolle. Als ehemaliger Junkie war der altbekannte Weg zur Drogenscene nicht weit. Sie baute einen schweren Rückfall zum Heroin, kam aber später gottseidank wieder davon los.
Wir anderen hielten zwar bis zum Schluß durch, kamen aber seelisch ziemlich abgewrackt wieder nach Hause. Meine Magenschmerzen hielten an und wurden schlimmer. Der Internist, den ich aufsuchte, stellte ein Magengeschwür fest und schrieb mich erstmal für 7 Wochen krank.
Es dauerte Monate, bis ich mich vom Trauma Blekendorf erholte. Und Rudi mochte mich seitdem nicht mehr.
Als Spätfolge des ganzen Dramas nahm ich ab diesem Zeitpunkt immer mehr zu, weil mir der Arzt geraten hatte fünf (kleine) Mahlzeiten am Tag zu essen. So gewöhnte ich mir an ständig kleine Häppchen zwischendurch zu essen um den Magen zu schonen. Von dieser Gewohnheit kam ich bis heute nie mehr los und es schädigte meine Gesundheit auf Dauer in schwerer Weise.
Im Moment mache ich wieder mal einen neuen Versuch, meine Essgewohnheiten zu verändern und habe mit Erfolg ein paar Kilo abgehungert.
Falscher Glaube kann krankmachen.
Also Hände weg von selbsternannten Seelsorgern und Laien ohne gute Ausbildung im Bereich Seelsorge und Psychotherapie! Was ich damals 1978 in Blekendorf erlebte würde ich heute als christlich getarnte Form des Satanismus und hochgefährlichen Psychoschwachsinn bezeichnen.
Irrlehren sind nicht harmlos sondern können Menschen zerstören.
Foto: red sunshinegirl (Flickr.com)1.Tim 4,1 Der Geist aber sagt ausdrücklich, daß in späteren Zeiten etliche von dem Glauben abfallen werden, indem sie achten auf betrügerische Geister und Lehren von Dämonen,
die in Heuchelei Lügen reden und betreffs des eigenen Gewissens wie mit einem Brenneisen gehärtet sind…
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